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Andacht vom 21.08.2010:

Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. 1. Johannes 4,7

Eine alte jüdische Legende erzählt, dass zwei Brüder einst auf dem Berg Morija wohnten. Der jüngere war verheiratet und hatte Kinder, der ältere war unverheiratet und allein. Die beiden Brüder arbeiteten zusammen, pflügten das Feld zusammen und streuten beide den Samen aus. Zur Zeit der Ernte brachten sie auch gemeinsam das Getreide ein und teilten die Garben in zwei gleich große Stöße.

Als es Nacht geworden war, legte sich jeder der beiden Brüder bei seinen Garben nieder, um zu schlafen. Der ältere aber fand keine Ruhe und dachte bei sich: "Mein Bruder hat eine Familie; ich dagegen bin allein und doch habe ich gleich viele Garben wie er. Das ist nicht recht." Er stand auf, nahm von seinen Garben und schichtete sie heimlich zu denen seines Bruders auf. Dann legte er sich wieder schlafen.

In der gleichen Nacht, etwas später, erwachte der jüngere. Auch er musste an seinen Bruder denken und überlegte sich: "Mein Bruder ist allein und hat keine Kinder. Wer wird in seinen alten Tagen für ihn sorgen?" Er stand auf, nahm von seinen Garben und legte sie heimlich zum Stoß des älteren. Dann legte auch er sich wieder schlafen.

Als es Tag wurde, waren beide Brüder erstaunt, dass die Garbenstöße gleich groß waren wie am Abend zuvor. Sie sprachen aber darüber kein Wort. In der zweiten Nacht wartete jeder eine Weile, bis er den anderen schlafend wähnte. Dann erhoben sie sich, und jeder nahm erneut einige von seinen Garben, um sie zum Stoß des anderen zu tragen. Auf halbem Weg trafen sie sich und jeder erkannte, wie gut es der andere mit ihm meinte. Sie ließen alles fallen und umarmten sich in herzlicher, brüderlicher Liebe. Gott aber schaute auf diesen Ort und sprach: "Hier will ich unter den Menschen wohnen."

Wie wird Gott erfahrbar? Johannes macht in seinem ersten Brief wiederholt deutlich, dass die Liebe zu Gott sich in der Liebe zum Mitmenschen erweist. Und umgekehrt wird die Liebe Gottes zu uns durch die menschliche Liebe zueinander erfahrbar. Die Erfahrung der göttlichen Liebe und der menschlichen Nächstenliebe ist untrennbar miteinander verbunden.

Wo ist Gott? Überall dort, wo wahre Liebe zwischen den Menschen gelebt wird. Der Apostel Johannes bringt es auf den Punkt: "Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen." (1 Joh 4,12)

Roland E. Fischer

Quelle: Andachtsbuch des Advent-Verlags Lüneburg - mit freundlicher Genehmigung.

 

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