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Verfasser: Heinz Schumacher
Erschienen in:Top Life Magazin 1 / 2008

Lazarus und die Professoren

Ein fiktives Gespräch mit Lazarus über den Tod (in Übereinstimmung mit den Aussagen des biblischen Wortes)

Vier Tage war er schon tot. Lazarus stank schon, das heißt, er verweste bereits. Das berichtet uns der Evangelist Johannes und zitiert dabei Maria, die Schwester des Toten. Der Ausgang der Geschichte ist Bibellesern bekannt: Jesus weckt Lazarus von den Toten auf – und damit gehört Lazarus für alle Zeiten in die kleine Kategorie von Erdenbürgern, die während ihres irdischen Daseins zweimal starben.

Erich Kästner dichtete einmal: "Wird‘s besser? Wird‘s schlechter? So fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich." Das muss Lazarus von nun an erfahren. Sein Leben wird zu einem gefährlichen Abenteuer, denn die hohe Geistlichkeit beabsichtigt, den Auferweckten möglichst schnell wieder unter die Erde zu bringen. Warum? Weil er der Grund dafür ist, dass jetzt viele Juden an Jesus als den Messias glauben.

Lazarus vor einem Kongress

Nachdenkliche Leser der Bibel wüssten wohl zu gern, wie das mit Lazarus jetzt weitergegangen ist. In der Bibel lesen wir nichts mehr darüber, also dürfen wir einmal unsere Fantasie spielen lassen.

Angenommen also, es hätte in Bethanien oder auch in Jerusalem einige Zeit später einen Wissenschaftler-Kongress zum Thema "Was kommt nach dem Tod?" gegeben. Dieses Thema fasziniert ja heutzutage so viele Leute wie kaum je zuvor. Spinnen wir den Gedanken noch ein wenig weiter: Irgendjemand ist auf die Idee gekommen, Lazarus als Ehrengast und zugleich als Kronzeugen zu diesem Kongress einzuladen und abzuholen. Lazarus sitzt nun nachdenklich in der ersten Reihe, lauscht den tiefschürfenden Referaten akademisch gebildeter Zeitgenossen, und bald wird der Mann, den Jesus Christus auferweckt hat, zum Podium gebeten.

"Herr Lazarus, erzählen Sie uns einmal, wo Sie während der vier Tage ihres Todes gewesen sind. In welchen Sphären hielt sich Ihre Seele auf?" Lazarus schüttelt bedächtig den Kopf: "Ich verstehe nicht, was Sie meinen. Als Angehörige des Volkes Israel wissen Sie doch sicherlich, was unser weiser Vater Salomo über den Zustand im Tod gesagt hat."

Auswendig sagt der schlichte Landmann, was im Buch Prediger 9, Verse 4 und 5 steht: "Für jeden Lebenden gibt es Hoffnung. Selbst ein lebendiger Hund ist besser daran als ein toter Löwe. Denn die Lebenden wissen, dass sie sterben werden; die Toten aber wissen gar nichts. Sie haben keinen Lohn mehr, denn ihr Gedächtnis ist vergessen."

"Den Text kennen wir natürlich, lieber Herr Lazarus. Aber Sie haben die unsterbliche Seele vergessen, die doch unmittelbar nach dem Eintreten des Todes zu Gott zurückkehrt. Also berichten Sie uns, was Ihre unsterbliche Seele in jenen vier Tagen erlebt hat."

Lazarus verwundert sich sehr: "Hochgeschätzte Herren, verzeihen Sie, wenn ich Ihnen als einfacher Mann widersprechen muss. Den Ausdruck ‚unsterbliche Seele‘ finde ich in den Heiligen Schriften nicht, wohl aber weiß ich, was im Schöpfungsbericht über diesen Punkt gesagt wird: 'Der Mensch wurde zu einer lebendigen Seele, indem Gott Adam den lebendigen Odem einblies.' Er wurde zur Seele, er bekam sie nicht. Ich bin eine Seele, ich habe keine."

Einer der großen Theologen lächelt nachsichtig: "Ich habe in Athen studiert, ich weiß es besser als Sie! Diese Entstehungsgeschichte ist doch nur eine Allegorie. Außerdem heißt es doch bei Salomo, der Geist kehre zu Gott zurück. Also lebt doch etwas weiter. Sie müssen sich doch an einen solchen Vorgang erinnern können, Herr Lazarus. In diesem Punkte sind Sie uns allen voraus – als ein Experte, der jetzt Theorie und Praxis voneinander unterscheiden kann."

Lazarus bleibt gelassen, ist aber zugleich auch ein wenig erstaunt: "Ich wusste gar nicht, dass Sie mich auf eine theologische Diskussion festlegen wollen. Ich ging davon aus, ich dürfe Ihnen hier etwas von Jesus erzählen, der uns alle am Jüngsten Tag auferwecken wird. Durch sein heiliges Wort aber werden wir unterwiesen, dass der Lebensgeist der Lebensodem ist, der zu Gott zurückkehrt. Er ist dem Menschen wie dem Vieh gegeben. Ich versichere Ihnen: Ich kann mich an nichts anderes erinnern.

Mit meinem Tod war es so: Ich war sehr krank geworden, mein hohes Fieber wollte nicht zurückgehen. Ich fühlte mich elend und furchtbar müde. Daran kann ich mich noch gut erinnern. Endlich schlief ich ein. Da muss ich wohl gestorben sein. Denn das Nächste, was ich wahrnahm, war die Stimme meines Freundes Jesu, der mich rief. Als ich meine Augen aufschlug, war es mir, als hätte ich tief und fest, aber nur einen Wimpernschlag geruht. Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Ich merkte nur, dass ich in einer Gruft lag und mit Leintüchern umwickelt war, wie man das allgemein mit Verstorbenen zu tun pflegt."

Unruhe macht sich unter den hochkarätigen Zuhörern breit. Nun schaltet sich eine weitere der Koryphäen dieses Kongresses etwas unwillig ein: "Herr Lazarus, wissen Sie denn nicht, dass in allen Religionen der Welt gelehrt wird, der Mensch werde unmittelbar nach seinem Tod in einer anderen Form weiterleben?"

"Ja, ja", entgegnet Lazarus, und seine Augen sprühen einen Augenblick Funken. "Diese irrige Auffassung findet man ja schon bei unseren Ureltern Adam und Eva aufgezeichnet. Der große Verführer hatte ihnen eingeredet: 'Ihr werdet keinesfalls sterben'. Dass diese Urlüge in alle Religionen eingedrungen ist, verwundert mich angesichts der hohen Intelligenz der Schlange Luzifer nicht. Ich weiß nur, dass unser Herr einmal das wahrmachen wird, was er uns allen versprochen hat: Er werde nach seinem Tode auferstehen, gegen Himmel fahren und uns die neue Heimat gestalten. Danach komme er, um uns zu sich zu nehmen (Johannes 14, 1-3)."

Lazarus schweigt einige Augenblicke; die Augen des ganzen Auditoriums sind auf ihn gerichtet. Die Festigkeit seines Glaubens verblüfft die Zuhörer ebenso wie die eisgekühlte Logik, mit der der schlichte Bürger von Bethanien nun zu argumentieren beginnt: "Wir, die wir uns Juden und Christen zugleich nennen, sagen uns: Wenn Jesus Christus versprochen hat, er wolle nach einer bestimmten Zeit wiederkommen, um uns in sein Reich aufzunehmen, dann sind wir vorher noch nicht dort. Gäbe es also jene Zweiteilung von Leib und Seele, dann müsste die Seele im Himmel den Herrn frühzeitig mahnen: ‚Ich bin doch schon hier! Lass doch den alten Madensack, wo er ist. Der ist doch längst in Staub übergegangen.‘ Nein, meine Herren – verzeihen Sie meine Keckheit, jetzt muss ich den Spieß umdrehen: Was Sie bei Ihrem Studium in Griechenland herausgefunden haben, kann ich nicht beurteilen. Aber eines weiß ich genau: Ich war vier Tage tot – mausetot, sozusagen. Nichts von mir trieb sich irgendwo im Universum herum." Das ist für Lazarus eine sehr lange Rede. Die Herren wiegen ihre Köpfe, und einer spricht für sie alle: "Wir können Sie nicht widerlegen, Herr Lazarus. Aber bedenken Sie doch auch dies: Es widerstrebt uns zu glauben, mit dem Tod sei alles aus. Der Gedanke erwärmt doch, die schon Verstorbenen könnten sich unserer annehmen. Deshalb beten ja Millionen Menschen zu den Ahnen und bitten sie um Schutz. Soll man diese Leute ihrer Vorstellung berauben? Könnten Sie das verantworten?"

Lazarus dreht auch diesmal den Spieß herum: "Können Sie es denn verantworten, sehr geehrter Herr Professor, den Irrtum dieser vielen Menschen auch noch zu rechtfertigen und zu festigen? Sie haben doch sicherlich auch in den heiligen Schriften gelesen, wie Gott uns davor warnt, die Verstorbenen anzurufen und um Schutz zu bitten. Und in dem tragischen Ende unseres ersten Königs Saul können Sie alle erkennen, dass eine solche Geisteshaltung das Einfallstor für den Spiritismus darstellt. Klären Sie die Menschen auf, die wie die Schlange im Paradies behaupten: ‚Tot ist nicht tot; ihr werdet weiterleben!‘"

Die Wissenschaftler wirken betroffen. Keine Spur mehr von ihrem anfänglichen gutmütigen Spott über den ihres Erachtens dummen Toren Lazarus. Dennoch lässt sich einer der klugen Herren zu einem letzten schwachen Angriff auf die biblisch geprägte Position des Lazarus hinreißen: "Ich finde jedenfalls, es ist furchtbar, davon auszugehen, dass der Mensch nach seinem Tod von Würmern aufgefressen wird und nichts da sein sollte, was die Identität des Menschen ausmacht. Schrecklich, wenn wirklich nichts mehr da sein sollte, was Leben bedeutet."

Lazarus reagiert freundlich: "Es soll nichts mehr da sein, was die Identität bedeutet? In den Augen unseres Gottes ist das nicht so. Sein Sohn, der mich auferweckte, belehrte seine Jünger, als sie von meinem Tod erfuhren: ‚Lazarus schläft.‘ Und als er mich auferweckte, nannte er mich bei meinem Namen. Egal, wie lange unser Staub in der Erde ruht – ob einige Tage oder Jahrtausende –, unsere Identität erlischt nicht, so wenig, wie uns unser Herr am Morgen des Jüngsten Tages vergessen wird, wenn er uns aus den Gräbern hervorruft." "Sie haben uns sehr geholfen, Herr Lazarus", sagt der Vorsitzende des Kongresses leise. Und dann fügt er hinzu: "Ihre Spesen können Sie sich von unserem Schatzmeister auszahlen lassen. Wir werden in den nächsten Tagen über Ihre Aussagen und Argumente noch intern diskutieren und dann darüber abstimmen, ein Memorandum abzufassen.

Hätten Sie zum Schluss noch ein Wort über Ihren uns anrührenden kindlichen Glauben zu sagen?"

Lazarus schaut einige Augenblicke stumm in eine imaginäre Ferne: "Gerne! Ich habe Ihnen nur folgende Überlegung vorzutragen: Mehrheitlich wurde in unserem Volk wohl in Verfahrensfragen, aber nie in Glaubensdingen entschieden. Wenn Gott unser Volk nicht seit abra­hamitischen Zeiten pausenlos vor dem Abgleiten in heidnische Praktiken und Lehren bewahrt hätte, stünde ich heute nicht hier als Mitglied dieser neuen Bewegung, die berufen ist, das Evangelium in alle Welt zu tragen. Sie weiß dabei stets, was unser Herr gesagt hat: 'Das Heil kommt aus den Juden.' Ein Kernsatz dieses Evangeliums lautet: Wer in den Armen eines Vaters einschläft, um dessen Erwachen braucht man nicht zu bangen. Ich kann es Ihnen belegen, ich, der einfache Bürger von Bethanien. Denn ich habe vier Tage lang tot im Grab gelegen, ehe mich der Gottes- und Menschensohn Jesus auferweckte. Ihm vertraue ich, dass er mich eines Tages genau so wieder aus dem Grab hervorrufen wird wie beim ersten Mal."

Der Kongress applaudiert freundlich. Es sind wohlerzogene kultivierte Leute. Was jeder in seinem Innern denkt, ist eine andere Sache. Einer aber bleibt draußen vor der Tür einen Augenblick bei Lazarus stehen und flüstert ihm etwas ins Ohr, was im Expertenkreis offensichtlich nicht gerne gehört wird: "Es ist halt schwerer, lieber Herr Lazarus, eine Wahrheit zu glauben, die man zum ersten Mal hört, als einen Irrtum, den man schon tausend Mal vernommen hat. Ich glaube Ihnen!"

Heinz Schumacher

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