TopLife | online
  

Verfasser: Pierre Intering

Täuschen und Tarnen

Über den Umgang mit der Wahrheit

© 2006 JupiterImages Corporation
"Politiker machen Versprechen und vergessen sie bereits in der Wahlnacht. Sie geben vor, Gerechtigkeit anzustreben, und pfeifen darauf, wenn ihre eigenen Vorteile in Gefahr geraten. Sie koalieren mit politischen Gegnern, deren Ziele sie gestern noch für indiskutabel hielten, und sie verfolgen, gemeinsam mit jenen, genau diese Ziele." Diese bissige Feststellung des Literaturwissenschaftlers Thomas Rothschild in seinem Buch "Alles Lüge - das Ende der Glaubwürdigkeit" deckt sich mit den Eindrücken vieler Wähler.

Trotz der geschickten Formulierungen gelingt es vielen Staatsmännern/frauen nicht, bei dem zu blieben, was man von ihnen erwartet - nämlich, dass sie zu ihrem Wort stehen und ehrlich bleiben. Dabei führen sie, sicher nicht immer zu Unrecht, den Zwang zu Kompromissen durch den politischen Rivalen an. Komisch ist nur, dass sie das schon vor der Wahl ahnen konnten und trotzdem so manche Versprechen ablegten, die sie vielleicht nicht einmal durch die absolute Mehrheit hätten verwirklichen können. Den kleinen Mann auf der Straße stört daher eher das vollmundige Versprechen, dem er wieder einmal erlegen ist.

Das schnelle Geld

Doch nicht nur die Politik ist ein dankbares Beispiel beim Thema Täuschen und Tarnen. Auch was die Wirtschaft betrifft, scheint diese Taktik zum Regelfall zu werden. Korruption, Spionage oder einfach nur hochriskante Spekulationen sind an der Tagesordnung. Der österreichische Bankenskandal rund um die BAWAG ist nur ein Beispiel der Mechanismen, die vom Gesetz zwar geächtet und verfolgt werden, die aber in der Praxis nur sehr schwer zu bekämpfen sind. Inzwischen weiß auch der einfache Mann auf der Straße, was man mit Fonds- und Währungsspekulationen innerhalb kürzester Zeit alles anstellen kann, und wie viele Leute weltweit nur dadurch unvorstellbar viel Geld verdienen, dass sie es dort hin- und herschieben, wo es im Moment am meisten Gewinn abzuwerfen scheint. Der Schweiß dabei kommt wohl mehr von dem Bewusstsein der riskanten "Spielerei" als von einem Lohn für eine erbrachte Leistung. Auf wessen Kosten das schnelle Geld gemacht wird, wäre wieder ein anderes Thema.

Nachhilfe einmal anders

Immer öfter kam auch der Sport in die negativen Schlagzeilen. Da geht es schon lange nicht mehr um Spaß und gesunden Ehrgeiz. Die Preisgelder und Werbeverträge sprechen da wohl für sich. Die Athleten präsentieren sich dem Zuschauer als rasende oder geschickt agierende Werbesäulen mit unzähligen Aufklebern und aufgenähten Plaketten. Ein­gerahmt wird die Szene von endlosen Werbetafeln, die dem Sportler nicht nur die zurückzulegende Strecke weisen, sondern auch die entsprechende Leistung einfordern. Schließlich vervielfacht sich auf dem Siegespodest der Werbeeffekt. Mit letzter Anstrengung versuchen sie, das aus ihrem Körper herauszuholen, was natürlicherweise eigentlich gar nicht mehr vorhanden wäre. Die Versuchung, der Natur auf Kosten der Gesundheit recht unnatürlich nachzuhelfen, ist offensichtlich größer als jede Vernunft. Die "Tour de France", die sich immer mehr zu einer „Tour de Farce" entwickelt, schloss medial fast nahtlos an die Turbulenzen der Dopingskandale der österreichischen Langläufer an. Die regelmäßig aufgedeckten Dopingfälle anderer Sportler ist man ja schon gewohnt, so wie die damit verbundene nachträgliche Ab- und Anerkennung von Titeln, Podest­plätzen und Ehrungen. Heute scheint wohl nichts mehr sicher zu sein.

Vertrauen ist gut ...

... Kontrolle ist besser - und notwendiger als je zuvor. In diesem Sinne wird in beiden Fällen, im Sport und in der Wirtschaft, wieder einmal die Funktion von Kontrollorganen bzw. Aufsichtsräten recht heiß diskutiert. Im Sport scheinen die Dopingwächter mit ihren HiTech-Ausrüstungen den CSI-Ermittlern schon ebenbürtig zu sein. Kleinste Spuren von irgendwelchen Aufputschmitteln, über 250 an der Zahl, oder aufbereitetes Fremd- bzw. Eigenblut werden gnadenlos aufgedeckt. Noch Wochen oder Monate nach einer Kontrolle muss so mancher Sportler bangen, ob nicht doch irgendeine chemische Substanz entdeckt wird oder ein bestimmter Wert auffallend hoch erscheint.

Dagegen nehmen sich die Kontrollen im Bankenskandal wie Kinderspiele aus. Wer hat wann und warum weggeschaut? Welchen Beteiligten kann man jetzt wirklich zur Verantwortung ziehen? Das Schuldkarussell dreht sich munter weiter, bis schließlich vom zuständigen Gericht das Urteil verkündet wird - gegen das man natürlich Einspruch erhebt. Selbst wenn dann der letzte, rechtskräftige Urteilsspruch fällt, bleiben oftmals genügend Zweifel und unbeantwortete Fragen. Das Knäuel aus Halb- und Unwahrheiten, direkten Lügen oder auch nur Täuschungen ist nicht so leicht zu entwirren. Wem kann man denn heute noch vertrauen? Wem kann man Glauben schenken, dass er sich an die vereinbarten Regeln hält? Wie schlimm ist es wirklich um die Moral in unserer Gesellschaft bestellt?

Intaktes Unrechtsbewusstsein?

Im Allgemeinen scheinen wir alle ein gutes moralisches Empfinden zu besitzen. Offensichtliche Verbrechen werden zutiefst verabscheut. Mörder, Räuber, Diebe, Pädophile, Kinderschänder und eine ganze Reihe von Gesetzesbrechern finden keinerlei Sympathien in der Gesellschaft. Man möchte mit diesen Menschen nichts zu tun haben. Verbrechen? Nein, danke!

Man möchte meinen, dass es wohl nicht gerecht wäre, die ganze Welt wegen ihrer Verbrechen zu verurteilen oder schlecht zu machen - schließlich tut man ja was gegen die Randgruppen, die sich nicht an das Gesetz bzw. an die Ordnungen halten. Während in Amerika auf 100 000 Einwohner 600 Häftlinge kommen, sind es z.B. in Deutschland nur etwa 60, was sich immerhin auf etwa 50 000 Inhaftierte summiert. Trotzdem macht es nur eine Minderheit aus - zumindest statistisch.

Ganz so einfach ist es aber dann doch wieder nicht. Gefängnis gilt schließlich nur für grobe Rechtsverletzungen und für hartnäckige Fälle oder ist nur die letzte Konsequenz einer Strafverfolgung. In Österreich werden immerhin, bei einer Einwohnerzahl von etwa 8,3 Millionen, im Jahr 600 000 Straffälle zur Anzeige gebracht. Dies nähert sich recht gefährlich der 10%-Marke. In vielen Fällen gibt es eine außergerichtliche Bereinigung. Schließlich werden etwa 45 000 Menschen im Jahr verurteilt. (Quelle: Statistik Austria, statistik.at

(K)Eine heile Welt

Werden die ganzen Ereignisse, wie die jüngst diskutierten Sport- und Bankenskandale nur von den Medien hochgespielt? Oder sind sie vielleicht doch Symptome einer Gesellschaft, die sich zwar nach außen hin recht bieder gibt, aber heimlich die Grenzen immer wieder auslotet und auch weit überschreitet? Offensichtlich hat der Mensch ein Problem damit, seine frühkindlichen Gewohnheiten abzulegen. Schwindeln und Flunkern gehören demnach zum Alltag. Schlimmer noch. Es scheint ja doch eine Evolution zu geben - zumindest in den menschlichen Gewohnheiten, in denen sich Täuschung und Unwahrheit prächtig entwickeln und die Methoden der Tarnung immer raffinierter werden. Kein Zwinkern, Zucken oder Erröten lässt auf eine Lüge schließen. Geschickt wird der Geschäftspartner über den Tisch gezogen, dem Ehepartner nach dem Seitensprung die ewige Liebe versichert oder der Aufsichtsrat, wenn schon nicht bestochen, dann aber doch mit falschen Zahlen versorgt.

Beim Doping mag es ja noch recht einfach sein, verbotene Praktiken aufzudecken, und beim Bankenskandal war es, wie bei vielen anderen Wirtschaftsbetrügereien, nur eine Frage der Zeit, bis alles aufgedeckt wurde. Schwieriger wird es bei den alltäglichen Aufgaben, in denen geschummelt wird, was das Zeug hält. Ohne Lüge geht es eben nicht. Das behauptete zumindest Wilhelm Busch in seinen satirischen Versen: "Der Beste muss mitunter lügen. Zuweilen tut er's mit Vergnügen." Weniger scherzhaft und wesentlich intensiver beruhigen bestimmte Forscher die geplagten Gewissen: "Lügen ist ein essenzieller Bestandteil unserer sozialen Intelligenz. Ja, die im Umgang mit Menschen notwendige Fähigkeit, die Lügen anderer zu erkennen, und die gleichzeitige Perfektionierung der eigenen können nach diesen Erkenntnissen sogar die Triebfeder für die stammesgeschichtliche Entwicklung dieser Intelligenz gewesen sein. Manche Experten sind auch der Auffassung, dass der Mensch die „Vergrößerung seines Gehirns im Endeffekt dem evolutionären Druck verdankt, immer raffinierter schwindeln zu müssen", heißt es in einem Beitrag des Magazins "Gehirn & Geist"." Stern, Wissenschaft/Körper 03

Die Gründe

Ursachen für das Täuschen und Tarnen gibt es viele. Man möchte Schwierigkeiten aus dem Weg gehen, etwas verbergen oder sich Vorteile verschaffen. Obwohl Letzteres dem Moral­empfinden entgegensteht, ist es die am meisten gepflegte Untugend. Der Rad-Rennfahrer steht da als Symbol für all jene, die sich vom Hauptfeld absetzen wollen, um das zu bekommen, was nur wenige bekommen können. Ob ihn dazu der frenetische Jubel oder doch der enorme Druck der Sponsoren treibt, wird wohl nie klar festzustellen sein. Die Kombination beider Dinge scheint da auch unserem Alltag zu entsprechen. Von Anerkennung alleine kann man ja schwer leben. Deshalb spielen die finanziellen Vorteile eine entscheidende Rolle in dem Stück, das sich langsam vom Lustspiel zum Drama entwickelt. Jeder hofft dabei, diesen zweiten Teil nie erleben zu müssen. Gegen jede Vernunft sieht man seinen Fall als besonders "sicher" an und stellt später fest, dass auch diese Spekulation nicht aufgegangen ist. Der Sportler wird unehrenhaft entlassen und kann auch mit den ehrlich erkämpften Trophäen und Auszeichnungen nichts mehr anfangen. Für den einflussreichen Banker, der sich im Schatten der Schönen und Reichen bedienen lassen konnte, wird es unangenehm heiß. Plötzlich möchte niemand mehr mit ihm tauschen. Selbst der kleine Angestellte ist zumindest in diesem Moment recht froh, sich auf keine fragwürdigen Geschäfte eingelassen zu haben, selbst wenn der Grund nur der war, dass er keine Gelegenheit dazu hatte.

Über Lügen

"Lügner sollten daran denken, nie mehr Lügen als notwendig zu erzählen, damit man ihnen Glauben schenkt." Italo Svevo

"Um eine Lüge zu stützen, braucht es eine zweite, und wo zwei Lügen sind, werden ihrer vier notwendig sein, dann acht, sechzehn usw., bis sich schließlich alles in einem unentwirrbaren Lügengewebe verstrickt, dem dann eine beschämende und peinliche Bloßstellung folgen muss." ubk

"Die Lüge lebt so lange, wie die Wahrheit nicht angekommen ist." ubk

"Man kann alle Leute einige Zeit und einige Leute alle Zeit, aber nicht alle Leute alle Zeit zum Narren halten." Abraham Lincoln

Wehret den Anfängen

"Eine Welt ohne Lüge, dies wäre das Ende aller Beziehungen, der privaten, der beruflichen, der öffentlichen", behauptet die Schweizer Psychotherapeutin Irmtraud Tarr Krüger. Ihrer Meinung nach kommen wir ohne Lügen nicht aus. Denn ohne Phantasie, Ausschmückung, Geschichtenerzählen, Übertreiben, Verschweigen oder Prahlen wäre die menschliche Kommunikation arm.

Die These scheint einleuchtend. Schließlich lernt das kleine Kind, schon bevor es richtig sprechen kann, die Halb- und Unwahrheiten, sowie die unzähligen Täuschungen. Aber warum muss man vortäuschen, dass man müde oder Bauchschmerzen hat, wenn man etwas nicht will? Sind Feen, Kobolde und Zwerge für ein Kind, das sich durch die vielen Eindrücke zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickelt, wirklich so eine gute Idee? Selbst der Osterhase oder der Nikolaus kann wohl nicht der Weg sein, Kindern Freude zu bereiten. Das geht auch ohne Schwindel und Lüge und erspart später die Enttäuschung. Schließlich sinkt das Alter immer mehr, in dem man von seinen Freunden als dumm bezeichnet wird, weil man den Eltern noch immer glaubt. "Und das mit dem lieben Gott, da komm ich euch auch noch auf die Schliche" - kein Wunder, wenn man nur noch glauben will, was man sieht.

Das Vertrauen nimmt im Verhältnis zur Größe immer mehr ab. Und wir wundern uns darüber, warum so wenig Vertrauen vorhanden ist.

Es ist ein Trugschluss, wenn man meint, lügen zu müssen, damit die Wirklichkeit erträglicher wird. Letztendlich schadet man sich nur selbst. Wer sich durchs Leben schwindelt, wird diese Taktik auch von anderen erwarten. Das Misstrauen vervielfältigt sich auf diese Weise. Wem und was kann man nun wirklich glauben? Selbst wenn die Wahrheit im Moment jemanden verletzen könnte, ist sie immer noch besser, als auf ein Lügengebäude zu bauen, das doch eines Tages einstürzt. Ein viel besserer Rat, als zu lügen, ist es, die Wahrheit auf eine taktvolle Weise zu sagen und dabei das eigene Empfinden nicht als Maßstab zu präsentieren. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen der Lüge, die den anderen aufbauen oder etwas Angenehmes vortäuschen soll, und der Lüge, die auf Kosten anderer auf den eigenen Vorteil bedacht ist. Schließlich hat aber alles einen gemeinsamen Ursprung. Der Philosoph Immanuel Kant bemerkte dazu: "Die Lüge ("vom Vater der Lügen, durch den alles Böse in die Welt gekommen ist") ist der eigentliche faule Fleck in der menschlichen Natur." (I. Kant, AA VIII: Abhandlungen nach 1781) Damit bezieht sich Kant auf die Aussage Jesu, der die Heuchelei seiner Zeit anprangerte: ,,Ihr stammt vom Teufel als eurem Vater und wollt die Gelüste eures Vaters tun. Der war von Anfang an ein Menschenmörder und stand nicht in der Wahrheit; denn Wahrheit ist nicht in ihm. Wenn er die Lüge redet, so redet er aus seinem Eigenen; denn er ist ein Lügner und der Vater derselben." (Joh.8,44)

Es wäre für uns alle zum Besten, wenn wir uns von einem anderen "Vater" führen ließen, als von dem, der uns natürlicherweise nicht nur beeinflusst, sondern leider oft auch besitzt. Schließlich fängt dort das Paradies an, wo dem Wort des Schöpfers wieder Vertrauen geschenkt wird und der Versucher unverrichteter Dinge abziehen muss.

Ob es in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Politik, in der Wirtschaft, beim Sport oder wo auch immer ist - "ehrlich währt am längsten" - und ewig für die, die sich ganz auf die Seite Gottes und damit auf die Seite der Wahrheit stellen.

Diese Artikel werden Sie auch interessieren

Alle Macht dem Geld
10.10.2004 | Das wahre Gesicht der Globalisierung
Erschienen in: Top Life Magazin 2 / 2004

 

Top Life Aktuell
Ausgabe 3 / 2018
Alle Ausgaben im Archiv
Top Life Spezial
Schöpfung oder Evolution?
Alle Ausgaben im Archiv
Nancy van Pelt: "Herausforderung Erziehung"
HerErz_klein

Erziehung ist eine der schönsten aber auch der schwierigsten Aufgaben, die ein Mensch übernehmen kann. Auf alle ... [mehr]

CD Tipp
Von Sehnsüchten - Pierre Intering
12 gefühlvolle Gitarrenarrangements von Hawaiin- und Gospelsongs. Das beiliegende 8-seitige Booklet enthält einige Gedanken zur Musik und speziell zu den Liedern.Wer bisher Gitarren-instrumentalmusik nicht kannte oder nichts damit anfangen konnte, wird sie hier auf angenehme Weise neu entdecken. Zum Teil werden die Lieder von div. Instru-menten harmonisch begleitet.

Hörbeispiele unter: www.gitarrenklang.com

Bestellung:
www.toplife-center.com