Andacht vom 13.09.2005:
Richterspruch bietet Freundschaft an
Denn euer Gehorsam ist bei allen bekannt geworden. Deshalb freue ich mich über euch; ich will aber, dass ihr weise seid zum Guten. Römer 16,19
Mit einem ungewöhnlichen Urteil hat ein Amtsrichter in Sizilien einen Nachbarschaftsstreit in Gela geschlichtet. Ein Rentner hatte seinen Nachbarn verklagt, weil er sich durch den Geruch und den Rauch der Grillfeste belästigt fühlte. Der Richter gab der Klage zwar statt und verurteilte den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 100 Euro. Er setzte die Strafe aber unter einer Bedingung zur Bewährung aus: Der Grillfan muss in Zukunft jeden Braten mit seinem Nachbarn teilen.
Hier hat ein Richter ein weises Urteil gefällt, das jeden der Kontrahenten zufrieden stellte. Das ist bemerkenswert, denn durch einen Richterspruch ist ein Streit meistens nicht beendet. Es mag sein, dass die eine Partei völlig Recht bekommt, doch der Unterlegene fühlt sich ungerecht behandelt und sucht nach Möglichkeiten, es dem anderen heimzuzahlen. Deshalb mahnt die Bibel: "Wer Streit anfängt, gleicht dem, der dem Wasser den Damm aufreißt. Lass ab vom Streit, ehe er losbricht." (Spr 17,14) Bevor ein Streit eskaliert, sollte man ihn beenden. "Der Klügere gibt nach", sagt in solch einem Fall ein Sprichwort.
"Aber ich bin doch im Recht!", mag jemand einwenden. Hier gilt es, weise zum Guten zu handeln. Es gibt Beispiele in der Bibel, die zeigen, dass es richtig war, auf seinem Recht zu bestehen. In Philippi wurden Paulus und Silas mit Stöcken geschlagen und ins Gefängnis geworfen (Apg 16). Am nächsten Tag erkannten die Richter, dass die beiden unschuldig waren, und wollten sie heimlich freilassen. Doch Paulus und Silas beriefen sich auf ihr römisches Bürgerrecht und wiesen darauf hin, dass es ungesetzlich war, sie ohne Urteilsspruch zu schlagen und einzusperren. Sie forderten eine öffentliche Rehabilitierung und waren erst zufrieden, als sie von den Richtern selbst aus dem Gefängnis geführt wurden. Paulus und Silas dachten dabei nicht an sich, sondern an die neue christliche Gemeinde in Philippi, auf die nicht der Vorwurf fallen sollte, von Sträflingen gegründet worden zu sein.
Wenn wir sicher sein können, dass das Beharren auf unserem Recht sich zum Guten auswirkt, sollten wir diesen Weg gehen. Wenn nicht, dann gilt es vom Streit abzulassen, soweit es an uns liegt.
Holger Teubert
Quelle: Andachtsbuch des Advent-Verlags Lüneburg - mit freundlicher Genehmigung.





