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Verfasser: Pierre Intering

Das schiefe Bild von PISA

Gedanken über die Bildungsstudie

Kein Thema erregte in den letzten Wochen die Gemüter so sehr wie das Ergebnis der PISA-Studie. Das mittelmäßige Abschneiden unserer Schüler löste hitzige Debatten und einen regelrechten Schwall von Schuldzuweisungen aus. Wer und was ist verantwortlich für die vermeintlich wachsende Verdummung der jungen Generation?

Die PISA-Studie

PISA ("Program for International Student Assessment") bezeichnet die umfassendste Bildungs-Studie, die bisher auf internationaler Ebene durchgeführt wurde. Sie wurde von der OECD (Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit) in Paris entworfen. Vom Jahr 2000 bis zum Jahr 2006 werden in einem Dreijahres-Turnus die Kenntnisse und Fähigkeiten von Schülern in den Bereichen Lesekompetenz, Mathematik und Naturwissenschaften gegen Ende der Pflichtschulzeit getestet. Im Rahmen von PISA 2000 nahmen rund 180.000 15-jährige Schüler aus 32 Ländern teil. Die gegenwärtige Debatte bezieht sich auf die Studie im Jahr 2003, an der sich 41 Staaten beteiligten.

Jeder gegen jeden

Spätestens bei der Veröffentlichung der zweiten Studie bekam es jeder mit: Österreichische und deutsche Schüler befinden sich im Vergleich mit anderen Staaten bestenfalls im Mittelfeld. Wie auf Befehl stürzten sich die Medien auf die Ergebnisse und boten Kritikern aller Art eine Plattform. Die Opposition fühlte sich in ihrer Kritik an der gegenwärtigen Schulpolitik bestätigt und feuerte eifrig ihre Geschütze ab. Die Regierung wiederum kritisierte die destruktive Mitarbeit der Opposition. Ihrer Meinung nach falle das ebenfalls nicht gerade berauschende Ergebnis der ersten Studie in den Verantwortungsbereich der früheren Regierung bzw. jetzigen Opposition.

Schule, Lehrer oder Schüler?

Viel Kritik richtet sich gegen das Schulsystem. Stichwörter wie Gesamtschule, Ganztagsschule, Lernwerkstätten und Leistungsklassen überfordern sehr schnell Unbeteiligte, die keine schulpflichtigen Kinder haben. Dass es bei den Schul-Diskussionen nicht immer nur um das Wohl der Kinder geht, ist kaum zu übersehen. Allein erziehende Mütter oder um die Existenz kämpfende Familien wollen ihre Sprösslinge in Ganztagsschulen gut aufgehoben sehen - während sie für den nötigen Unterhalt sorgen. Auf der anderen Seite sehen aber manche Eltern in der Schule ein Beschäftigungssystem für ihre Kinder, damit man ungestört seiner Karriere oder anderen Vorlieben nachgehen kann. Die Beschäftigung und die Erziehung der jungen Generation überlässt man zu Hause den Fernsehern, Game-Boys und den professionellen Unterhaltern der Spaßgesellschaft. Schule interessiert nicht mehr wirklich.

Aber auch hier gibt es eine zweite Seite der Medaille: Schüler wie Eltern klagen über mangelnde Vorbereitung und Motivation der Lehrer. Es scheint immer öfter vergessen zu werden, dass der Lehrerberuf nicht nur trockene Wissensvermittlung, sondern eine wichtige pädagogische Herausforderung ist, der man sich nicht nur in der anfänglichen Ausbildung stellt. Der Lehrer arbeitet nicht mit "toten" Materialien, sondern mit jungen Menschen, die Gefühle und Bedürfnisse haben und sich oft mit Ängsten und Problemen herumschlagen müssen. Überfüllte Klassen, zu feste oder zu -lockere Führung, zu hoher Ausländeranteil, gekürzte Schulbudgets, mangelnde Mitarbeit der Eltern usw. - die Liste der Kritik ließe sich noch beliebig verlängern. Schließlich wird die PISA-Studie selbst kritisch hinterfragt, bei der es ein-seitig um Wissen in wenigen Fächern gehe, aber nicht um soziale Fähigkeiten.

PISA - und nun?

Wer sich ohne vorgefasste Meinung mit der gegenwärtigen Situation beschäftigt, wird schnell feststellen, dass die Probleme recht unterschiedlich sind und viele Ursachen haben können. Mit nur einer einfachen politischen Maßnahme wird man wohl kaum zu einem Erfolg gelangen. Wenn aber jeder Verantwortliche in seinem Einflussbereich anfängt, die Probleme zu beseitigen, kommen wir dem Ziel ein schönes Stück näher.

PISA - na und?

Wenn das mittelmäßige Abschneiden unserer Kinder bei einer Bildungs-Studie das einzige Problem der nächsten Generation wäre, könnten wir uns glücklich schätzen. Auch in den Ländern, die an der Spitze der PISA-Studie stehen, gibt es ganz andere Sorgen, die noch weit mehr Aufmerksamkeit erfordern als ein durchschnittlicher Leistungserfolg. Es geht um den Umgang der jungen Menschen untereinander, ihren Eltern und Lehrern gegenüber und um ihre Vorbereitung auf die Welt der Erwachsenen. Es wäre wünschenswert, wenn wir über diese Themen konstruktive und leidenschaftliche Debatten führen würden. Oder kann es sein, dass wir dann auf so manche Wurzeln von Problemen stießen, die besonders Erwachsenen unangenehm würden?

Was nützt das Klagen über die Kinder, wenn wir es ermöglichen, dass sie sich jeden Tag stundenlang alle mögliche Filme hineinziehen, die Finger an den Game-Boys wund spielen und sich mehr in der virtuellen als in der wirklichen Welt aufhalten? Wer vermittelt ihnen Werte, die sie tauglich machen, die Anforderungen des Alltags schadlos zu überstehen? Haben wir solche Werte eigentlich noch? Vermutlich fangen immer weniger Menschen mit der tieferen Bedeutung von Begriffen wie Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue Besonnenheit und Selbstbeherrschung (Galater 5,22) etwas an. Das sind die Eigenschaften die uns die Bibel deutlich vor Augen führt. Sie sind entscheidend für funktionierende Beziehungen in der Familie, in der Schule, in der Arbeitswelt und wo immer auch sich Menschen begegnen.

Man verwechselt oft Liebe mit Lust, Freude mit oberflächlichem Spaß und Frieden mit Waffenstillstand. Geduld beschränkt sich meist auf Hobbys, und die Freundlichkeit wird immer berechnender. Güte und Treue verstauben immer mehr, und die Besonnenheit und Selbstbeherrschung erwartet man von anderen.

Welchen Rang würden wir bei einer Studie einnehmen, in der die Werte untersucht würden, auf die es letztendlich ankommt? Würde eine schlechte Platzierung genauso unsere Gemüter erregen - ähnlich wie bei der PISA-Studie? Wissen ist sicher nicht unwichtig, und auch ein harmonisches Lernen prägt unsere Jugend. Doch es geht um weit mehr! Es geht um eine lebenswerte Zukunft, in der neben einer Wissensvermittlung jene Werte wieder in den Vordergrund gerückt werden, die uns als Geschöpfe Gottes auszeichnen.

 

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