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Verfasser: Christian Frei
Erschienen in:Top Life Magazin 3 / 2004

Gemeinsam oder einsam

Wie Beziehungen auch heute noch gelingen

Wo kommt bloß der üble Geruch her? Seit ein paar Tagen ist es im Treppenhaus kaum mehr auszuhalten. Dann ein Gedankenblitz, ein Schrei. Es wird doch nicht etwa Frau Meier etwas passiert sein? Das Eintreffen der Polizei schafft Klarheit. Die Nachbarin ist schon seit einer Woche tot, keiner hatte es bemerkt. Ein Einzelfall?

Besonders in Großstädten vereinsamen Menschen immer mehr. Die Anzahl der Personen pro Haushalt geht stetig zurück. Die Zahl der Einpersonenhaushalte dagegen nimmt ständig zu. In Österreich und der Schweiz machten sie im Jahr 2002 ein Drittel aller Haushalte aus. In Deutschland war dies bereits 1992 der Fall. Wer nicht über ein gesundes Beziehungsnetz verfügt, lebt in Isolation. Am einsamsten fühlen sich Menschen dann, wenn sie inmitten einer großen Menschenmenge alleine bleiben. Man ist sich zwar räumlich nah. Zu bereichernden Begegnungen und zum Aufbau langfristiger Beziehungen kommt es aber selten. Vergleicht man die Heirats- und Scheidungsziffern, sind auch Veränderungen im Bereich Ehe und Familie zu beobachten. In der BRD ist die Anzahl der Eheschließungen zwischen 1991 und 1999 allmählich von 310.000 auf 270.000 zurückgegangen. Heirateten 1960 in der Schweiz noch beinahe 100% der Frauen, sind es heutzutage nur noch 60%, die diesen Schritt wagen. Ende der 90er Jahre haben 50% der Männer und Frauen unter 50 ihre Ehe durch Scheidung wieder aufgelöst. 1950 waren es bloß 17%. Trotz dieser Zahlen und Entwicklungen sieht ein Grossteil der Jugendlichen in Ehe und Familie einen hohen Wert und misst diesem Bereich ihres Lebens große Bedeutung bei. Das ist bemerkenswert.

Es ist tragisch festzustellen, dass in den allermeisten Menschen der Wunsch nach erfüllten Beziehungen zwar schlummert, dieser aber letztendlich nur für wenige in Erfüllung geht. Vielen gelingt es, Beziehungen aufzubauen. Der Start klappt bei den meisten recht gut. Wie geht es aber weiter? Wie sieht der Flug hoch über den Wolken aus? Immer mehr Menschen haben Mühe, mittel- und langfristig Beziehungen zu erhalten und zu pflegen. Das Resultat: eine Bruchlandung - im schlimmsten Fall der Absturz.

Zeit fürs Wesentliche!

Wer über eine Satellitenschüssel oder Kabelfernsehen verfügt, hat die Qual der Wahl. Hinzu kommt das Angebot von Video- und DVD-Filmen. Computerspiele und das Internet runden das Unterhaltungsangebot ab. Ablenkung und Konsum frei Haus, 24 Stunden pro Tag, 7 Tage die Woche.

Männer wie Frauen stehen in der Gefahr, vor dem Alltag und den Problemen in eine virtuelle Welt zu entfliehen - eine Welt aus der "Dose". Umso brutaler ist dann die Rückkehr in die Wirklichkeit. Weil wir dann oft mit unseren Problemen und Frustrationen überfordert sind, meldet sich bald wieder der Wunsch zum "Aussteigen" an. Und schon kann die Spirale der Sucht wieder von vorne losgehen. Übrigens, jegliches Suchtverhalten ist Gift für eine Beziehung! Meistens kann an der Beziehung nicht gearbeitet werden, solange Süchte einen oder beide Partner im Würgegriff halten.

Aber nicht nur der Umgang mit modernen Medien bedroht unsere Beziehungen. Die Wirtschaft hat auch seit einiger Zeit den Freizeitbereich als Markt entdeckt. Es ist nicht ganz leicht, sich eine Übersicht über all die Angebote zu machen, geschweige denn, sich für eines zu entscheiden. Da kann man ganz schön "Freizeitstress" bekommen. Junge und auch zunehmend weniger junge Menschen wollen in der Freizeit etwas erleben. Dagegen ist ja nichts einzuwenden. Doch zu welchem Preis genießen wir unsere Freizeit?

Zeit für das Gespräch

Wo bleibt die Zeit, in der wir miteinander reden, dem anderen zuhören und ihm in die Augen statt in die Röhre schauen? Wo bleibt die Zeit, am inneren Leben des anderen teilzuhaben, statt bloss das Hobby miteinander zu teilen? Das Kostbarste, was wir einem Menschen schenken können, ist unsere Zeit und ungeteilte Aufmerksamkeit.

Wir müssen uns entscheiden. Wir können unmöglich alles mitnehmen, was uns das Leben zu bieten hat. Auch in diesem Bereich bewahrheitet sich: Weniger ist oft mehr. Stellen wir uns vor, wie wir auf dem Sterbebett liegen und auf unser Leben zurückblicken. Was wäre uns das Allerwichtigste im Leben gewesen? Welchen Stellenwert hatten Beziehungen für uns? Denken wir über die drei wichtigsten Prioritäten unseres Lebens nach und überprüfen wir uns, ob wir auch wirklich danach leben! Drei Fragen decken unsere wahren Interessen auf: Wofür gebe ich mein Geld aus? Wovon schwärme ich in meinen Gesprächen? Wie verbringe ich meine Zeit?

Verletzungen aus der Vergangenheit

Es gäbe viel darüber zu sagen, wie Vergangenheit und Sozialisation unsere gegenwärtigen Beziehungen beeinflussen und beeinträchtigen können. Wichtig scheinen mir in diesem Zusammenhang zwei Gedanken: Erstens: Unsere Vergangenheit prägt uns mehr, als wir es wahrhaben wollen. Sie tut es, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht. Nur wer weiß, in welchem Käfig er steckt, kann auch ausbrechen. Es muss nicht unbedingt seelischer, verbaler, physischer oder sexueller Missbrauch sein, der uns belastet. Wenig hilfreiche Verhaltens- und Denkmuster werden oft über Jahrzehnte, manchmal sogar Jahrhunderte von einer Generation an die nächste weitergegeben. Wenn wir uns bewusst werden, wie uns unsere Vergangenheit prägt, können wir vergangene Muster durchbrechen. Manchmal braucht es dazu die Hilfe eines Seelsorgers oder eines Therapeuten. Außerdem: Veränderung ist möglich. Damit meine ich nicht, dass Veränderung einfach ist, aber sie ist möglich. Viele unserer Denk- und Verhaltensmuster sind angelernt und können auch ebenso gut wieder verlernt und durch neue ersetzt werden.

Kommunikation und Konfliktbewältigung

Einer der am häufigsten vorgebrachten Scheidungsgründe ist mangelnde Kommunikation. Eine erfolgreiche Beziehung muss nicht frei sein von Streit und unterschiedlichen Meinungen. Wichtig ist, wie man damit umgeht. Mit welchem Werkzeug lösen wir unsere Beziehungsprobleme? Wer in seiner "Beziehungswerkzeugkiste" nur Hammer und Beißzange aufbewahrt, wird scheitern. Konstruktiv miteinander reden ist eine Kunst; eine Kunst, die man lernen muss, zum Glück aber auch lernen kann. In Sachen Konfliktbewältigung ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

Wo lernen wir diese wichtigen Fähigkeiten kennen und in welchem Umfeld üben wir sie ein? Wenn in unserem Elternhaus der Krach unter den Teppich gewischt wurde, werden wir uns wahrscheinlich in unserer jetzigen Beziehung nicht viel anders verhalten. Unsere Autos bringen wir alle 15.000 Kilometer in die Werkstatt. Von unseren Beziehungen aber erwarten wir, dass sie ohne Wartung ein Leben lang halten. Was ist uns wichtiger? Besuchen Sie mit Ihrem Partner alle 3 bis 5 Jahre ein Ehe- oder Kommunikationsseminar. Lesen Sie gute Bücher zum Thema. Das sind Investitionen in das eigene Glück und in das des Partners.

Liebe als Egotrip?

Eheberater sagen uns, dass viele Ehen auseinander brechen, weil es den Partnern oft nicht gelingt, ein "Wir-Gefühl" oder ein "Wir-Bewusstsein" zu entwickeln. Die Mentalität der Wegwerfgesellschaft regiert leider auch oft unsere Beziehungen: Da wird der Partner nicht mehr als gleichwertiges Gegenüber angesehen, sondern ist nur mehr Mittel zum Zweck, damit es mir gut geht und ich befriedigt bin. Wenn der Mensch an meiner Seite mir nicht mehr genügt oder ich mit ihm nicht mehr die gewünschten Gefühle erlebe, muss er entsorgt und ersetzt werden.

Wer so denkt, dreht sich aber ständig nur um sich und bleibt auch in der Beziehung allein. Der Partner wird zum Gegenstand. Menschen haben - mein Gegenüber also auch - ein Eigenleben. Könnte es lohnenswert und spannend sein, zwischendurch meine eigene Welt zurückzustellen, um die Welt des anderen zu entdecken? Könnte es sich lohnen, nicht nur in die Entfaltung der eigenen Person zu investieren, sondern auch in die Entwicklung des anderen und ihn zu fördern?

Ein verkürztes Liebesverständnis

Kein Thema wird im Radio so oft besungen wie die Liebe. Was verstehen wir aber unter diesem Begriff? Andere Sprachen verfügen über eine Vielzahl von Wörtern, um die verschiedenen Aspekte der Liebe zu umschreiben. Das deutsche Wort "Liebe" muss allerdings für vieles herhalten. Vor allem junge Menschen meinen Verliebtheit, Erotik und Sexualität, wenn sie "Liebe" sagen oder hören. Das ist ein sehr verkürztes Liebesverständnis. Liebe wird auf starke Gefühle, auf einen zeitlich begrenzten Zustand reduziert. Natürlich gehören Verliebtheit und Sexualität zu einer Liebesbeziehung. Sie sind wunderschön, aber nicht alles. In ihrem Buch "Anatomie der Liebe" beschreibt Helen Fischer die Verliebtheit als einen Zustand, in dem vermehrt bestimmte Botenstoffe (so genannte Endorphine) mit aufputschender Wirkung im Gehirn ausgeschüttet werden. Spätestens nach vier Jahren lässt aber die Wirkung dieser Botenstoffe nach. Die weltweiten Scheidungsziffern scheinen ihr Recht zu geben. Im vierten Ehejahr erreicht die Zahl der Ehescheidungen ihren Höhepunkt. Nach 3, 4 oder 5 Jahren bleiben das Kribbeln oder die Schmetterlinge im Bauch aus und die rosa Brille verliert ihre Färbung. Wie deuten wir diese Veränderungen? Sind sie Anzeichen einer sterbenden Liebe oder eines verlöschenden Strohfeuers? Bleiben da nur noch die Trennung und der Weg zum Scheidungsrichter? Die gute Nachricht in -Fischers Buch ist, dass ab dem vierten Ehejahr andere Endorphine vermehrt ausgeschüttet werden, die allerdings beruhigende und schmerzstillende Wirkungen zeitigen. Studien belegen auch, dass verheiratete Männer und Frauen gesünder und länger leben. Wer also in einer Beziehung einen nie endenden Kick oder Rausch erwartet, wird sicher enttäuscht werden. Wenn man aber bedenkt, welch eine Stabilität und Tiefe in einer auf Dauer angelegten Beziehung erfahrbar ist, sollte man nicht zu früh die Flinte ins Korn werfen.

Das Vorbild der Liebe

Wenn das Neue Testament von der Liebe Gottes zu uns Menschen spricht, dann verwendet es einen Begriff, in dem Qualitäten wie "bedingungslos", "unerschütterlich" und "selbstlos" mitschwingen. Die Bibel versteht die Liebe nicht nur als Gefühl, sondern auch als eine bewusste Entscheidung für den Anderen und die Bereitschaft zur Treue. So bekommt die Liebe einen stabilen Rahmen, in dem sie sich entfalten kann. Gottes beständige Liebe zum unvollkommenen Menschen ist das christliche Ur- und Vorbild für die Liebe in Partnerschaft und Ehe. Bis heute ist sie für unzählige Menschen der Weg zu einem erfüllten Leben.

Beziehungsprobleme - ein biblisches Beispiel

Die Bibel beschreibt im Johannesevangelium (Kapitel 4), wie Jesus einer Frau begegnete, die bereits fünf Bruchlandungen hinter sich hatte. Fünf Männer hatte sie gehabt und der, mit dem sie jetzt zusammenlebte, war auch nicht ihr Ehemann. Welch verzweifelte Lage für eine Frau, die in einer von Männern dominierten Kultur und zu einer Zeit lebt, in der Jungfräulichkeit das höchste Gut einer Frau war. Würde in Zukunft je ein Mann aufrichtiges und ernsthaftes Interesse an einer langfristigen Beziehung mit ihr zeigen? Mit ihrer Vergangenheit und ihrem Ruf wohl kaum. Die Frau kommt in der Mittagshitze zum Brunnen, weil sie niemandem begegnen will, denn alle anderen holen in der Kühle des Morgens oder am Abend das Wasser. Zu schmerzvoll waren die vorwurfsvollen Blicke und die bissigen Bemerkungen, welche vernarbte Wunden der Vergangenheit wieder aufplatzen ließen. Es ist nicht schwer, sich das Leid und die Verbitterung dieser Frau vorzustellen. Vielleicht hatte sie ja bei jedem Neuanfang gehofft, dass es nun die endgültige Beziehung würde. Doch dann wurde sie immer wieder aufs Neue enttäuscht und ausgenützt. Vielleicht war es ja auch sie, die aus einer inneren Zerbrochenheit heraus beziehungsunfähig war und in ständig wechselnden Beziehungen einen inneren Durst nach Anerkennung und Liebe zu stillen suchte. Wenn Menschen ständig wechselnde Partner haben, ist dies in den seltensten Fällen Ausdruck einer ungezügelten Lust im sexuellen Bereich. Oft zeigt eine Affäre eine tiefe Not entweder im seelischen Bereich oder auf der Beziehungsebene. Jesu Angebot, der Samariterin Wasser zu trinken zu geben, welches ihren Durst für immer stillen würde, deutet auf einen inneren, unersättlichen Durst hin, der sie von einer Beziehung in die nächste trieb. Was mich an dieser Erzählung aus der Bibel am meisten berührt, ist, dass Jesus diese Frau in ihrer Not ganz bewusst aufsucht. Er setzt sich über gesellschaftliche Konventionen und nationale Schranken hinweg. Sie war nicht nur eine Frau, was für einen Mann eine Begegnung in der Öffentlichkeit ohnehin erschwerte (V. 27), sondern gehörte auch noch einem Volk an, mit dem Juden eigentlich nicht verkehrten (V. 9). Jesus verurteilt diese Frau nicht sondern begegnet ihr mit Würde und Achtung, und wertet sie auf, in dem er sie um einen Gefallen bittet: "Gib mir zu trinken!" Sanft, aber entschlossen, spricht er sie auf ihre Beziehungsprobleme an und bietet ihr Vergebung und einen Neuanfang an. Wie damals vor 2000 Jahren ist Gott auch heute noch auf der Suche nach Menschen, die in und an ihren Beziehungen leiden. Gott ist an diesen Menschen ganz besonders interessiert, weil sie in einem der wichtigsten Bereiche der menschlichen Existenz zu zerbrechen drohen.

 

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