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Verfasser:Mag. Esther Neumann
Erschienen in:Top Life Magazin 4 / 2006

Wenn Milch zum Problem wird

Über Lebensmittelintoleranzen

(c) JupiterImages Corporation
400 Jahre vor Christi Geburt hat Hippokrates bereits schmerzhafte Magen-Darm-Reaktionen nach dem Genuss von Milch beschrieben. Blähungen, Koliken, Durchfall, Übelkeit, Völlegefühl, chronische Müdigkeit und unreine Haut, das alles wird mit der Milch in Verbindung gebracht, wenn man sie aus einem ganz bestimmten Grund nicht mehr verträgt. Weltweit gesehen sind davon etwa 2,3 Milliarden Erwachsene und 600 Millionen Kinder und Jugendliche betroffen. Wenn sie Milch trinken, gehen sie auf wie ein Hefezopf.

Muttermilch ist für Säugetiere sowie für den Menschen die erste Nahrung. Ein Bestandteil jeder Säugetiermilch ist der Milchzucker oder die Laktose, wie er mit dem Fachausdruck heißt. Chemisch gesehen gehört der Milchzucker zu den Kohlenhydraten. Er ist ein Zweifachzucker oder ein Disaccharid. Im Dünndarm wird der Milchzucker durch das Verdauungsenzym Laktase in Galaktose und Glukose gespalten und über die Darmwand ins Blut aufgenommen. In der Folge wird er dann in Energie umgewandelt. Steht im Dünndarm zu wenig oder gar keine Laktase zur Verfügung, wird der mit der Nahrung aufgenommene Milchzucker nur teilweise oder gar nicht gespalten und aufgenommen. Wir haben es mit der Laktoseintoleranz zu tun.Laktoseintoleranz

Es wird geschätzt, dass etwa 80 bis 90 Prozent der Weltbevölkerung davon betroffen sind. In Europa und Nordamerika zählen Milch und Milchprodukte zu den wichtigsten Grundnahrungsmitteln. In asiatischen und den meisten afrikanischen Ländern spielt sie so gut wie keine Rolle. Weltweit lässt sich bei der Laktoseintoleranz ein Nord-Süd- und ein West-Ost-Gefälle feststellen. In den skandinavischen Ländern beträgt der Anteil der betroffenen Menschen lediglich etwa fünf Prozent, in Griechenland bereits 75 Prozent und in Teilen Afrikas und Asiens zwischen 80 und 100 Prozent. In Österreich leiden etwa 10 bis 20 Prozent aller Menschen an einem Mangel des Enzyms Laktase. Es herrscht eine hohe Dunkelziffer. Betroffen sind meistens Erwachsene. Oft bleibt die Ursache der Beschwerden jahrelang unbekannt und die Patienten haben einen langen Leidensweg hinter sich, bis endlich die klare Diagnose gestellt wird.

Beschwerden im Dickdarm

Wenn im Dünndarm der Milchzucker nicht vollständig oder gar nicht gespalten und aufgenommen wird, gelangt er unverdaut in den Dickdarm. Dort wird er von den Darmbakterien abgebaut. Als Abfallprodukt entstehen bei dieser bakteriellen Gärung die Gase Wasserstoff, Kohlendioxid und Methan. Auch Säuren entstehen. Es kommt dadurch zu Blähungen. Der Milchzucker bindet viel Wasser, es kommt zu einer Steigerung des osmotischen Druckes, zu Wasseransammlungen und einer erhöhten Darmperistaltik. Völlegefühl, Durchfall und Blähungen sind die Folgen.

Unbestimmtes Krankheitsbild

Die Symptome können von Tag zu Tag wechseln. Es kommt immer darauf an, wie viele Milchprodukte verzehrt werden. Oft sind es auch versteckte Milchprodukte, an die man gar nicht denkt. Sie kommen in Wurst, Backwaren, Soßen, Schokolade und industriell hergestellten Lebensmitteln vor. Psychische Faktoren wie Stress, Aufregung und die Angst vor dem Unbekannten beeinflussen das Wohlbefinden ebenfalls negativ. Häufig haben Patienten mit einer Laktoseintoleranz auch noch eine Fruchtzuckerunverträglichkeit. Sie leiden dann nicht nur unter den Symptomen des Reizdarmsyndroms, sondern häufig auch unter Depressionen. Bei chronischer Laktoseintoleranz kann es zu einer bakteriellen Fehlbesiedelung des Dünndarmes kommen.

Durch die chronischen Verdauungsbeschwerden leidet die gesamte enzymtragende Darmschleimhaut. Dies bringt wieder weitere Verdauungsbeschwerden mit sich. Leider trifft es immer noch häufig zu, dass die behandelnden Ärzte bei diffusen Magen-Darm-Beschwerden selten gezielt auf Laktoseintoleranz untersuchen. Die Folge davon ist ein langer Leidensweg, bis endlich die richtige Behandlung durchgeführt wird. Selbstbe-obachtung ist immer gut, wenn man unter unbestimmten Verdauungsbeschwerden leidet. Lässt man einmal während zwei Wochen alle Milchprodukte weg und die Beschwerden klingen ab und kommen wieder zurück, wenn man wieder Milch konsumiert, kann man den Arzt gezielt auf das Problem aufmerksam machen.

Sichere Diagnose

Der Wasserstoff-Atemtest ist eine gutes Werkzeug, um die Diagnose Laktoseintoleranz festzustellen. Dabei wird Milchzucker in Wasser gelöst. Der Patient trinkt diese Lösung und während der nächsten drei Stunden wird regelmäßig der Anteil an Wasserstoff in der Ausatmungsluft gemessen. Erhöht sich der Anteil an Wasserstoff in der ausgeatmeten Luft, liegt eine Laktoseintoleranz vor.

Es kann auch der Blutzuckeranstieg nach dem Trinken der Milchzuckerlösung gemessen werden. Bei Laktasemangel kommt es zu einem geringeren oder gar keinem Anstieg des Blutzuckerspiegels. Diese Methode ist aber nicht ganz verlässlich. Auch Schleimhautproben mittels Darmspiegelungen können Aufschluss über den Zustand der Dünndarmwand geben.

Neuerdings gibt es auch einen Gen-Test. Er ist aber sehr teuer. Bei einem weiteren neuen Test wird lediglich eine Speichelprobe genommen und mit einem besonderen Test-Kit im Labor untersucht.

Schweregrad und Formen

Die Milchzuckerunverträglichkeit wird je nach Schweregrad in "leicht", "mittel" und "schwer" eingeteilt. Bei der leichten Form werden 8 bis 10 Gramm Milchzucker problemlos vertragen, bei der mittleren Form etwa 1 Gramm und bei der schweren gar keine Laktose.

Die häufigste Form ist der primäre Laktasemangel. Bei dieser Form nimmt die Laktase-Aktivität im Dünndarm mit zunehmendem Alter kontinuierlich ab. Der neugeborene Säugling hat die höchste Laktase-Aktivität. Das ist verständlich, ernährt er sich doch im Normalfall ausschließlich mit Muttermilch. Wird abgestillt, verringert sich das Enzym in den ersten Lebensjahren deutlich. Im Erwachsenenalter ist nur noch etwa ein Zehntel der ursprünglichen Aktivität vorhanden. Ältere Menschen vertragen Milchprodukte schlechter. Das ist also ein völlig natürlicher Vorgang, der fast bei jedem Menschen beobachtet werden kann. Beim sekundären Laktasemangel ist der Mangel eine Begleiterscheinung einer anderen Erkrankung im Verdauungstrakt wie zum Beispiel Zöliakie, Morbus Crohn, Colitis Ulcerosa oder akuter Gastroenteritis. Auch Behandlungen mit Antibiotika oder Zytostatika (Zellgifte), können die Darmschleimhaut und ihre Enzyme vorübergehend schädigen. Wenn diese ursprünglichen Krankheiten ausgeheilt sind, kann meist auch wieder genügend Laktase gebildet werden.

Eine äußerst seltene Form ist der kongenitale Laktasemangel. Dabei leiden die Säuglinge bereits kurz nach der Geburt an einem Laktasemangel.

Therapie

Die Therapie hängt vom Schweregrad der Erkrankung ab. Jeder Betroffene muss selber herausfinden, wie viel Milchzucker er verträgt. Bei laktosearmer Kost, bei der etwa 8 bis 10 g Laktose vertragen werden, können Käse und Sauermilchprodukte in kleinen Mengen gegessen werden. Milchhaltige Speisen können mit Sojamilch oder anderen alternativen Milcharten zubereitet werden. Sauermilchprodukte werden besser vertragen, weil die milchzuckerspaltenden Enzyme der Lactobazillen, aus der sie hergestellt werden, im Verdauungstrakt weiter wirken und noch Milchzucker abbauen können.

Auf dem Lebensmittelmarkt gibt es auch laktosefreie Produkte. Der Milch oder dem Milchprodukt wird Laktase beigegeben. Sie spaltet den Milchzucker bereits auf. Diese Milch ist darum auch viel süßer, weil der Milchzucker nicht so intensiv ist wie die aufgespaltene Glukose und Galaktose.

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, sich die fehlende Laktase in Form eines Medikamentes, als Tablette oder Kaudragees, zuzuführen. Durch einen besseren Verbraucherschutz müssen seit 2005 europaweit alle Inhaltsstoffe eines Lebensmittels, die als Allergieauslöser oder Unverträglichkeitsreaktionen eingestuft werden, auf der Zutatenliste aufgeführt werden. Dazu gehört auch die Laktose. Nicht selten findet man Milchzucker in Produkten, in denen man sie nicht vermuten würde. Bei Unverträglichkeiten oder Allergien müssen die Zutatenlisten immer genau studiert werden. Meistens gibt es für die Betroffenen auch Handbücher, in denen die Produkte aufgelistet werden, die laktosefrei sind.

Kalziumversorgung

In unseren Breiten sichern die Milchprodukte doch einen großen Teil der Kalziumversorgung. Ist eine milchzuckerarme Kost notwendig, sollten kalziumreiche Lebensmittel verstärkt konsumiert werden. Dazu gehören Brokkoli, Fenchel, Nüsse, Sonnenblumensamen, Sesam, Brennnesseln, kalziumreiche Mineralwässer, mit Kalzium angereicherte Fruchtsäfte und Sojamilch. Man kann durchaus ohne Milchprodukte leben, wenn man sich etwas für Ernährung interessiert und sich Gedanken macht, wo das Kalzium sonst noch in den Lebensmitteln vorkommt. In der heutigen Zeit, wo die Massentierhaltung zu vielerlei Problemen führt und wir gerade aufgezeigt haben, wie problematisch für viele Menschen Milchprodukte sind, lohnt es sich, sich Gedanken zu machen über eine Kost, die frei oder wenigstens arm an tierischen Produkten ist.

Falsch verstandene Entwicklungshilfe

Besonders in den Ländern, die Entwicklungshilfe bekommen, ist die Laktoseintoleranz sehr weit verbreitet. Was für Güter werden dorthin geschickt? Meistens sind es Überschussprodukte aus den Industrienationen. Dazu gehört auch Milchpulver. Es wird in großen Mengen an Bevölkerungsschichten verteilt, die gar keine Milchprodukte vertragen. Nehmen wir als Beispiel die Indianer in ihren Reservaten. Auch sie gehören zur Gruppe, die genetisch bedingt eine fast 100prozentige Laktoseintoleranz aufweist. Mit schöner Regelmäßigkeit bekommen sie Milchpulverlieferungen. Zum Glück wissen die Indianer, dass sie wie ein Hefe-zopf aufgehen, wenn sie diese Milch trinken würden. Was machen sie aber mit dem Milchpulver? Manche markieren damit die Spielfelder auf ihren Sportplätzen. Wird aber in Teilen Afrikas, in denen bereits Kleinkinder an Laktoseintoleranz leiden, Milch verteilt, wird Öl ins Feuer geschüttet. Die Kleinen, die aus Hunger sowieso schon an Ödemen leiden und aufgetriebene Bäuche haben, bekommen nach dem Genuss von Milch noch Durchfall und Koliken.

Fazit

Laktoseintoleranz bedeutet heute keinen Verzicht mehr auf den Genuss von Milchprodukten, weil wir Medikamente und laktosefreie Milchprodukte erhalten. Aber noch wichtiger sind eine ausgewogene Ernährung und viel Bewegung. Es gibt ganze Bevölkerungsgruppen, die keine Milch und Milchprodukte vertragen und auch nicht konsumieren und trotzdem gesund sind und gesunde Knochen aufweisen. Auch wir können dazugehören, wenn wir uns ausgewogen ernähren, viel Bewegung machen und eine vernünftige Lebensweise annehmen. Dazu hat uns Gott, unser Schöpfer, unseren Verstand gegeben. Es ist unser Vorrecht, ja sogar unsere Aufgabe, uns über eine vernünftige, gesunde Lebensführung Gedanken zu machen.

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