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Verfasser: Pierre Intering
Erschienen in:Top Life Aktuell 1705

Reformationsjubiläum - Fazit

Mit dem Reformator Johannes Calvin endet die Serie im Top Life Aktuell anlässlich des Reformationsjahres 2017. In fünf Ausgaben kamen die kirchlichen Missstände und die Anliegen der Reformatoren des späten Mittelalters zur Sprache. Neben vielen Zustimmungen reizte das Thema auch zum Widerspruch.

Mancher mag anmerken, dass wohl etwas zu einseitig berichtet wurde. Wer jetzt ein "Nein, wir sind 100% objektiv, und alles passt so" erwartet, wird sich wundern. Denn ich denke nicht, dass die Berichte über die Reformatoren und die damalige Zeit wirklich vollständig sind. Nein, diesen Anspruch erheben wir nicht. Ich glaube, dass niemand heute wirklich alles genauso schildern kann, wie es war. Dafür ist dieses Thema viel zu komplex. Ich denke, die Unterdrückung durch die unselige Verbindung von Kirche und Staat war oft viel schlimmer und die Reaktionen darauf waren nicht immer so, wie wir sie heute gerne hätten. Der Widerstand war verständlicherweise zum Teil recht heftig. Es wäre wohl besser gewesen, wenn manches nicht so gesagt oder getan worden wäre. Außerdem blieben so manche Reformationen in den Kinderschuhen stecken oder beschäftigten sich nur mit einem Teil des Problems.

Die Berichte über die Missstände erreichen heute durch den großen zeitlichen Abstand zwar unseren Verstand, aber nicht so sehr unsere Emotionen - was auch gut ist, weil die Gefahr bestünde, alten Hass zu wecken. Der Sinn dieser Reihe war ja nicht, alte Feindschaften wieder zum Leben zu erwecken. Wenn sich aber doch jemand ermutigt fühlte, wieder einen Frontalangriff zu starten, dann hatte er etwas falsch verstanden. Religionskriege - ob mit Waffen oder Worten - braucht die Welt nicht. Davon hat sie genug. Wer mit Verachtung auf den Katholiken, den Protestanten, den Freikirchlichen oder auf irgendeinen anderen Gläubigen sieht, hat die christliche Botschaft nicht wirklich begriffen. Jesus wollte nie Hass und Ärger in den Herzen wecken, sondern Liebe, Mitgefühl und Verständnis.

Andererseits: Wer allen Lehren der Kirchen, Gemeinschaften und Gruppierungen zustimmt und sie für gut befindet, irrt ebenso. Auch wenn es dem heutigen Zeitgeist entspricht, alles gleichzumachen, die Lehre Jesu ist das nicht. Jesus bewertete sehr wohl und unterschied auch zwischen Wahr und Unwahr. Auch diese Eigenschaft dürfen wir nicht ausblenden. Er konnte für manche seiner Zeitgenossen ganz schön ungemütlich werden. Nicht dass er einen Kampf wollte, nein. Seine Lehre war, die Feinde zu lieben. Aber gleichzeitig war es ihm wichtig, das Wort Gottes und auch Gott selbst nicht falsch darzustellen, auch wenn er sich damit bei so manchen unbeliebt machte.

Wir müssen auch heute nicht allem und jedem zustimmen. Nein, das wäre fatal. So würden wir uns nur eine Generation heranziehen, die keine Maßstäbe und Verbindlichkeiten mehr kennt. Die Folgen kann sich jeder ausmalen, wenn Moral nicht mehr definiert werden kann. Die neuen Herrscher wären dann das Recht des Stärkeren, die Schamlosigkeit und Unverschämtheit. Am Beispiel der Französischen Revolution sieht man die Folgen, wenn man sprichwörtlich "das Kind mit dem Bade ausschüttet". Ja, das Volk hatte Recht. Staat und Kirche waren unbeschreiblich ungerecht, und es musste etwas geschehen. Aber dass die menschliche Vernunft, die damals vergöttert wurde, dermaßen die niedrigen Triebe der Menschen weckte, überraschte selbst die Revolutionäre.

Das Jahr der Reformation hat für mich einen Sinn gehabt: Mir ist wieder bewusst geworden, wie viele Missstände und Irrlehren überwunden worden sind und dass wir heute in einer nie dagewesenen Freiheit leben können. Das macht dankbar. Gleichzeitig wurde mir aber auch klar, dass viele Anliegen der Reformatoren verloren gegangen sind. Wenn man zwar das Versagen Luthers hinsichtlich der Juden oder der Wiedertäufer kennt oder seinen Widerstand gegen die Kirche gut findet, aber sonst von seinem Anliegen keine Ahnung hat, dann ist das eine Schieflage, und es besteht enormer Aufholbedarf.

Ich bin überzeugt, dass wir aus uns selbst keinen Frieden schaffen können – so modern und humanistisch wir auch sein mögen. Wir können uns auch nicht selbst erlösen. Und Unwissen, aber auch Religion, Tradition und Kirche verstellen nicht selten den Weg zum persönlichen Glauben. Wenn wir nicht wieder zu den Ursprüngen, zu den einfachen Lehren Jesu und zu seinem Leben finden, gehören wir vielleicht einer "kirchlichen Partei" an, aber diese Art von "Politik" hilft uns nicht wirklich weiter. Die Zukunft wird erst dann hell, wenn wir das "Licht des Lebens" in uns hineinlassen.

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Erschienen in: Top Life Aktuell 1704

 

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