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Verfasser: Pierre Intering
Erschienen in:Top Life Magazin 3 / 2005

Der päpstliche Stuhl

Garant für Frieden und Gerechtigkeit

(c) Bilderbox
Rom. Jedes Jahr pilgern über 16 Millionen Touristen in die weltberühmte Stadt am Tiber. Anfang April aber fürchtete die im Umgang mit Massentourismus gewohnte Stadtverwaltung einen Kollaps: 4 Millionen Besucher überschwemmten die Stadt. Das wichtigste Ziel war der Petersdom im Vatikan, dem kleinsten Staat der Welt mit einer Fläche von nicht einmal einem halben Quadratkilometer.

Das verstorbene Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche, Johannes Paul II, wurde seinem Ruf als "Papst der Rekorde" auch nach seinem Ableben gerecht. Noch nie strömten bei einem Begräbnis solche Menschenmassen zusammen. Bis zu 24 Stunden standen Menschen in einer unüberschaubaren Warteschlange, um nur einen kurzen Blick im Vorübergehen auf den aufgebahrten Leichnam werfen zu können. Am Tag des Begräbnisses riefen Sprechchöre "Santo subito, Santo subito" - damit forderten sie die sofortige Heiligsprechung des verstorbenen Pontifex.

Alle Wege führen nach Rom

Nicht nur Gläubige und Schaulustige pilgerten nach Rom. Auch höchste politische Repräsentanten aus aller Welt gaben sich ein Stelldichein. Der Führer der Supermacht Amerika, George W. Bush, der wichtigste Mann der UNO, Kofi Annan, der iranische Präsident Mohammad Chatami, der syrische Staatschef Baschar al-Assad, der israelische Präsident Mosche Katsav und die meisten Staatsführer Europas waren ebenso anwesend wie bedeutende Kirchenführer vieler Religionen. Ihnen musste der Gang nach Rom vertraut gewesen sein, schließlich hatten viele von ihnen bei früheren Privataudienzen dem päpstlichen Stuhl die Ehre erwiesen. Es dürfte in der Weltpolitik kaum wichtige Persönlichkeiten geben, die nicht schon vom Papst empfangen worden sind.

Die ganze Welt katholisch?

Die Schlagzeilen der meisten Tageszeitungen und Illustrierten brachten deren Bewunderung gegenüber dem verstorbenen Papst in großen Lettern zum Ausdruck. Eine seltene Einigkeit kehrte in der bunten Medienlandschaft ein. Der zur Religion eher distanzierte "Spiegel" druckte auf der Titelseite den "Jahrtausendpapst" ab und bezeichnete ihn als den "Unsterblichen". Im deutschen Massenblatt "Bild", dessen Konzept unvereinbar mit den päpstlichen Äußerungen ist, war plötzlich von einer "moralischen Autorität" die Rede. Kaum eine Zeitung versäumte es, dem verstorbenen Papst zu huldigen. Wie kommt es, dass sogar die militant-islamischen Taliban kondolierten? Das evangelische Nachrichtenmagazin "idea-spektrum" brachte die Euphorie mit einem Satz auf den Punkt: "Ist die ganze Welt katholisch geworden?"

Person oder Amt?

Wem die ganze Aufmerksamkeit gilt, scheint wohl nicht so eindeutig zu sein. In den Nachrufen und Essays wird besonders die Person Johannes Paul II betont. Tatsächlich machte er in seiner 27-jährigen Amtszeit - der zweitlängsten in der Geschichte des Papsttums - immer wieder auf sich aufmerksam. Er ließ sich nicht vom Zeitgeist beeindrucken und beharrte auf seinen Standpunkten.

Kein Papst vor ihm war weltweit so aktiv und keinem anderen Papst vor ihm gelang es in diesem Maße, immer wieder in den Medien präsent zu sein. Niemand anderer konnte solche Menschenmassen auf den Plan rufen wie er. Dass die katholische Kirche weltweit über 1 Milliarde Mitglieder zählt, ist nur ein Grund hierfür. Offenbar war die Anziehungskraft des katholischen Oberhauptes auch für viele andere Religionen und für die verschiedensten Interessensgruppen - politische eingeschlossen - höchst willkommen. Die Person des Papstes von seinem Amt zu trennen ist kaum möglich und auch nicht sinnvoll. Nur durch seine kirchliche Stellung war es möglich, den Menschen Karol Wojtyla der Welt bekannt zu machen. Erst durch sein Amt bekam er die Plattform, auf der er die Anliegen der Kirche auf der Bühne der Weltgeschichte präsentieren konnte. Dabei führte gerade dieses Amt im Christentum zu heftigen Kontroversen. Das hinderte den österreichischen Kardinal Christoph Schönborn aber nicht daran, im Wiener Stephansdom selbstbewusst zu verkündigen: "Wer an der Person des Papstes rührt, rührt am Geheimnis der Kraft Gottes." Solange diese Überzeugung einem rein religiösen Verständnis entspringt, kann man sie wie viele andere Dinge glauben oder nicht. Durch die immer intensiver werdenden politischen Aktivitäten wirkt der Anspruch des Papstes aber nicht unbedingt beruhigend. Schließlich sieht er sich als Stellvertreter Gottes auf Erden und wird somit als Vertreter des Vatikanstaates für viele zum wichtigsten Staatsmann auf Erden. Dies erinnert an die Jahrhunderte des dunklen Mittelalters. Auch wenn diese überwunden sind, die Voraussetzungen für eine Auferstehung dieser staatlich/kirchlichen Verbindung bestehen durch das Selbstverständnis des Papsttums nach wie vor. Eine Rückkehr dieser Zeit ist zwar heute kaum noch vorstellbar, die Geschichte lehrt aber, dass man nichts ausschließen kann und darf.

Ein weiterer Grund, gegenüber den kirchlich/staatlichen Verbindungen misstrauisch zu sein, liegt im biblischen Wort. In den prophetischen Büchern Daniel und Offenbarung finden sich einige klare Hinweise auf eine staatlich/kirchliche Macht, die bis zur Wiederkunft Jesu mit Unterbrechungen herrscht (Daniel Kap. 7 und Offenbarung Kap. 13). Schon viele Jahrhunderte machten Reformatoren auf diese biblischen Hinweise aufmerksam. Die Geschichte lehrt uns, heute wachsam zu sein vor Entwicklungen, die religiöse und politische Interessen miteinander verbinden.

Der religiöse Einfluss

Der Einfluss des päpstlichen Stuhles betrifft zwei Bereiche - die religiöse und die politische Welt. Schon in seiner ersten Predigt bekannte sich der neue Papst zu den Zielen seines Vorgängers, die immer wieder heftig kritisiert wurden: "Die Besuche des Papstes in aller Herren Länder dienen keinem anderen Zweck als dem Anspruch, sich als Sprecher und Symbolfigur der Christenheit darzustellen. Medien und moderne Transportmittel verhalfen diesem Papst dazu, seinen Machtanspruch durchzusetzen. Die Medien haben diesen Anspruch gern aufgenommen und in Szene gesetzt." (Franz Segbers in "Christen heute", Zeitung der Alt-Katholiken)

Zweifellos verfügt auch heute der Papst auf religiösem Gebiet über großen Einfluss, auch wenn sein Amt recht umstritten ist. Das hindert aber die meisten Kirchen und Religionen nicht daran, gute Beziehungen zum päpstlichen Stuhl zu pflegen. Schließlich verkörpert er die größte Kirche, die in allen Ländern der Welt vertreten ist und daher einen ernst zu nehmenden Machtfaktor darstellt. Auch wenn die ökumenischen Bemühungen immer wieder ins Stocken geraten, wird der Ruf nach einer repräsentativen Führungspersönlichkeit immer lauter. Der Papst wird für diese Aufgabe immer wieder ins Gespräch gebracht. Der neue Papst, Benedikt XVI, machte schon bei seiner Antrittsrede deutlich, dass die sichtbare Einheit der Christenheit und die Versöhnung der Religionen zu seinen vorrangigen Aufgaben zählen.

Ob die evangelische bzw. protestantische Welt der Versuchung widerstehen kann, dem Papsttum noch mehr Bedeutung zuzuschreiben, darf bezweifelt werden. Protestantische Führer gehen heute mit ihrem Lob gegenüber dem Papst recht großzügig um.

Billy Graham, der bekannteste protestantische Evangelist, bekannte schon 1997 in der US-Fernsehsendung "Larry King live" seine Sympathie für Papst Johannes Paul II: "Oh, ich denke, ich habe mit allen eine wunderbare Gemeinschaft. Mit dem Vatikan kenne ich mich gut aus. Ich habe den Papst mehrmals besucht ... er und ich stimmen in fast allem überein." Dann brachte Graham seine Vorstellung vom Papst auf den Punkt: "Er war der größte moralische und geistliche Führer der letzten 100 Jahre ... Er ist der Führer unserer Generation, geistlich und moralisch." (Topic) Dass dies auch auf massiven Widerstand stößt, wird in der weltlichen Presse kaum registriert.

"Doch das alles kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Zimmermann aus Nazareth seine Jünger nicht beauftragt hat, die Welt zum Gottesdienst (Civitas Dei) umzugestalten, sondern die Botschaft vom bald wiederkommenden Christus zu verkündigen. Nicht die Kirche des Herrn erfüllt die Bitte "Dein Reich komme!", sondern der Herr der Kirche. Das Fundament, auf dem die Gemeinde Jesu ruht, ist kein noch so begnadeter und mit einzigartiger Machtfülle ausgestatteter Mensch, sondern das Bekenntnis zu Christus, dem Herrn und Retter der Welt. ER ist der Garant der Einheit seiner Gemeinde. Was zählt, ist kein unverrückbares kirchliches Credo, sondern das unverändert gültige Wort der Heiligen Schrift. Daran werden am Ende alle gemessen werden, die in die Nachfolge der Apostel treten." (APD, R.P.

Der politische Einfluss

Auch wenn aus aller Welt die Staatsmänner dem Papst ihre Aufwartung machten, scheint der Einfluss des Papstes noch sehr beschränkt zu sein. Besonders in europäischen Ländern wird der Verfall der christlichen Werte in politischen Entscheidungen beklagt. Als offensichtlichstes Beispiel dient dazu der Schutz und die Anerkennung von homosexuellen Lebensgemeinschaften.

So sehr Johannes Paul II den Kapitalismus in seiner negativen Form anprangerte, er konnte doch nur wenige überzeugen. Gegen die Macht der Wirtschaft hatten die moralischen Werte kaum Chancen. Selbst wenn junge Menschen dem Kirchenführer zujubelten, in der Praxis wurden seine Vorstellungen von vielen nicht geteilt. So dürften sich nur wenige der Gläubigen an die päpstliche Sexual-moral halten. Man verzieh es dem charismatischen Führer, wenn er nicht mit der Zeit ging - oder man engagierte sich in den zahlreichen "Wir sind Kirche" - Organisationen und unterschrieb das Kirchenvolksbegehren. Für die meisten traditionellen Katholiken spielt die Theologie keine Rolle. Es geht aus ihrer Sicht um Traditionen und eine Kultur, die man sich erhalten möchte. Im praktischen Leben spielt das Bekenntnis nicht die Rolle, die sich der Papst wünscht.

Trotz einer gewissen Erfolglosigkeit der päpstlichen Appelle wäre es falsch, diesen Einfluss zu unterschätzen. Wenn aus aller Welt immer wieder Politiker nach Rom pilgern, geschieht dies nicht nur aus Höflichkeit oder Langeweile. Man ist sich des Einflusses zumindest der katholischen Wähler bewusst. Niemand, der eine Wahl gewinnen möchte, kann auf sie verzichten. Aus diesen Überlegungen werden kirchliche Interessen in die Politik eingebracht. Doch das ist nur ein Weg. Auch die direkten Beziehungen Vatikans mit fast allen Staaten der Erde blieben in der Vergangenheit nicht ohne Auswirkungen. Zweifellos spielte z.B. der Papst keine unwichtige Rolle in der Öffnung der Oststaaten gegenüber dem westlichen Europa. Er war mehr als nur eine moralische Stütze bei der Revolution in seinem Heimatland Polen. Der polnische Arbeiterführer Lech Walesa erklärte 1989: "Die Existenz der Gewerkschaft Solidarnosc und meine Rolle als damaliger Führer wären ohne die Gestalt dieses großartigen Polen und großen Mannes, Johannes Paul II., nicht vorstellbar."

Wohin entwickelt sich die Welt?

Es kann nur ein Segen für einen Staat sein, wenn die Gesetzgebung durch christliche Grundsätze beeinflusst wird. Wenn politische Entscheidungen mehr von Verständnis, Mitgefühl und Gerechtigkeit und weniger von wirtschaftlichen Interessen geprägt würden, wäre das Leben für viele Menschen lebenswerter. Dieser Segen trifft aber nur zu, wenn er nicht verfälscht ist, und auch nur dann, wenn es um die Beziehungen der Menschen geht. Sobald sich ein Staat in die religiösen Angelegenheiten einmischt, kann der Segen schnell ins Gegenteil umschlagen. Liebe und Treue kann man nicht erzwingen und daher auch nicht anordnen. Die Erwartung von einem aktivem Papst, der nicht nur moralische Standpunkte vertritt, sondern gestaltend in der internationalen Politik mitwirkt, dient nicht gerade der Beruhigung. Auch wenn allgemeine Forderungen des Papstes wie jene nach Frieden, Versöhnung und Besinnung von den meisten christlichen Kirchen, aber auch anderen Religionen geteilt werden, stoßen doch entscheidende theologische Aussagen sowie das Selbstverständnis des Papsttums auf deutliche Ablehnung.

Auch wenn der politische Einsatz mit noch so guten Absichten geschieht, die Geschichte der Diskriminierung bis hin zur Verfolgung könnte sich wiederholen. Die Voraussetzungen dafür sind in der päpstlichen Theologie und im Kirchenverständnis noch immer vorhanden, die sich kaum von denen des Mittelalters unterscheiden.

Friede und Gerechtigkeit können nur dort entstehen, wo Menschen ihre Herzen den christlichen Grundsätzen öffnen. Dieser stille, aber machtvolle Einfluss kann durch kein politisches und auch kein kirchliches Programm vertreten werden. Jesus Christus gab seiner Gemeinde einen Missionsauftrag. Durch das Verbreiten seiner Botschaft mit Hilfe der einfachen religiösen Kirchenstruktur sollten alle Menschen erreicht werden. Überall dort, wo Menschen Hilfe benötigen, ob es auf sozialem, seelischem oder gesundheitlichem Gebiet ist, werden sich Menschen wie Jesus engagieren und bewusst oder unbewusst christliche Grundsätze ausleben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger Möglichkeiten stehen überzeugten Christen zur Verfügung. Das Heil findet der Mensch auch im 21. Jahrhundert allein in der schlichten biblischen Botschaft der Wahrheit, die einen Namen hat - Jesus Christus.

Religiös motivierte Gesetzgebung im Christentum

Die religiös motivierte Sonntagsgesetzgebung im vierten Jahrhundert unter dem römischen Kaiser Konstantin und im 19. Jahrhundert auf amerikanischem Boden verdeutlicht die Unvereinbarkeit von Kirche und Staat. Sonntagsgesetze

Das erste Sonntagsgesetz entstand unter dem römischen Kaiser Konstantin, der das Christentum zur Staatsreligion erhob: "Alle Richter und Einwohner der Städte, auch die Arbeiter aller Künste, sollen am ehrwürdigen Tag der Sonne ruhen." Corpus juris Civills, II Codex Justinianus, III, 12, 2 In verschiedenen Staaten in Amerika wurden Anfang des 19. Jahrhunderts Sonntagsgesetze erlassen. In North-Carolina und Tennessee lautete es so: "Hiermit ergeht der Erlaß ... dass sich alle Personen am Tag des Herrn, allgemein Sonntag genannt, sorgfältig um die Pflichten der Religion und der Frömmigkeit bemühen."

1821 überarbeitete der Staat Connecticut sein Sonntagsgesetz: "Es soll die Pflicht jedes Bürgers des Staates sein, den öffentlichen Gottesdienst am Tag des Herrn zu besuchen."

Prof. A.T. Jones argumentierte damals vor dem amerikanischen Senat folgerichtig: "Jeder Versuch, religiöse Einhaltung mit Gewalt durchzusetzen, nötigt zur Heuchelei und vermehrt so die Sünde, denn die Liebe zu Gott ist unentbehrlich für die Ausübung jeder religiösen Pflicht." Jones führte weiter aus: "Indem der Staat seine Macht dadurch ausübt, dass er die Menschen dazu zwingt, religiös zu handeln und Gott Ehre zu erweisen, zwingt er sie nur - falls sie im Herzen keine Liebe zu Gott - zur Heuchelei und zur Sünde." ("The National Sunday Law", Pacific Press Publishing Co., USA 1889)

Bemerkung 1: Die Vorschläge im 19. Jhd. für die allgemeine Sonntagsgesetzgebung wurden vom amerikanischen Senat abgewiesen. Die bestehenden Sonntagsgesetze der Staaten wurden nach und nach aufgehoben.

Bemerkung 2: Seit einigen Jahren streben in christlichen Ländern Kirchenführer, aber auch Politiker nach einer erweiterten, gesetzlich gebotenen Sonntagsfeier. Die derzeitigen Sonntagsverordnungen werden allgemein mit sozialen Bedürfnissen begründet und beschränken sich daher auf Arbeitszeitverordnungen in der Wirtschaft und auf Tätigkeiten, die die Sonntagsruhe beeinträchtigen. Diese Verordnungen sind so lange kein Problem, solange sie nicht religiöse Interessen verfolgen oder religiöse Minderheiten diskriminieren. Jedem Menschen muss es erlaubt sein und ermöglicht werden, andere Ruhetage zu beachten.

Vom mächtigen Glauben - zur gläubigen Macht

Die ersten christlichen Gemeinden waren einfach, aber recht wirkungsvoll organisiert: "Und er hat einige als Apostel eingesetzt, einige als Propheten, einige als Evangelisten, einige als Hirten und Lehrer, damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes. Dadurch soll der Leib Christi erbaut werden." Epheser 4, 11.12

Es gab verschiedene Ämter und Aufgaben, deren Ausübung mit christlichen Prinzipien und Lehren verknüpft waren. Die eigentliche Leitung der Gemeinde blieb immer bei der Person, die die christliche Gemeinde gründete, nämlich bei Christus selbst: "Und durch die Liebe soll all unser Glauben und Handeln sich immer mehr an Christus ausrichten, der das Haupt seiner Gemeinde ist. Dieses Haupt bestimmt über den ganzen Leib, wobei die einzelnen Körperteile miteinander verbunden sind ..." Epheser 4, 15.16 (Hfa)

Keiner von den Aposteln stellte sich über den anderen - auch nicht Petrus, der nicht mehr, aber auch nicht weniger Verantwortung trug als seine Mitstreiter. Die Gemeinde wuchs, obwohl sie von Heiden als auch von Juden immer wieder diskriminiert und verfolgt wurde. Natürlich traf es die Leiter härter als andere. Sie waren im Besitz der Schriften, organisierten die Gemeinden und predigten. Aus diesen Gründen wurde ihnen natürlicherweise Aufmerksamkeit geschenkt - von Freunden, aber auch von Feinden.

Mit der Zeit bekleideten so manche Männer leitende Funktionen. Ihr brüderlicher Rat nahm die Form eines Befehls an. Unschuld und Einfachheit mussten immer mehr dem Ehrgeiz und einer weltlichen Vorstellung über die Kirchenführung weichen. Besonders Rom als Hauptstadt und Sitz des mächtigen Kaiserreiches dürfte einen gewaltigen Einfluss auf die römischen Bischöfe ausgeübt haben.

Spätestens als Kaiser Konstantin das Christentum zur Staatsreligion erhob und seinen eigenen Sitz nach Konstantinopel verlegte, wurde die Macht des römischen Bischofs nicht nur in der Kirche, sondern auch in der Politik offensichtlich. Mit dem Untergang des weströmischen Reiches entstand ein neues Element in der Weltpolitik. Der katholische Theologe Dr. Döllinger bemerkt dazu: "Aus dem Chaos der Völkerwanderung und den Ruinen des Römerreiches erhebt sich allmählich eine neue Staatenordnung, deren Mittelpunkt der päpstliche Stuhl wird." (Kirche und Kirchen, S. 33)

Ende des fünften Jahrhunderts stellte Papst Gelasius (492-496 n.Chr.) fest: "Es gibt zwei Einrichtungen, von denen die Welt in letzter Instanz beherrscht wird: Die heilige Macht der Päpste und die königliche Macht. Aber die Machtbefugnis der Priester wiegt schwerer, weil sie sich selbst beim Jüngsten Gericht vor dem Herrn aller Könige verantworten müssen." Aus diesem Grund der Kaiser darauf hingewiesen "mit welcher Liebe du jenen zu gehorchen hast, die die göttlichen Sakramente spenden." (aus "Wer wird die Welt beherrschen", S. 159, Pierre Lanares, Saatkorn-Verlag, Hamburg)

Für Europa begann eine Zeit des intensiven Eingriffs des Papsttums in die politische Ordnung. Kirche und Staat wurden eng miteinander verknüpft. Man brauchte sich gegenseitig, um seine Interessen zu verfolgen. Verstöße gegen Kirchengesetze erlangten einen ähnlichen Stellenwert wie Staatsgesetze und wurden entsprechend geahndet. Die Verurteilung des "Sünders" kam von der Kirche, die Ausführung vom Staat.

Das "finstere Mittelalter" kostete Millionen Menschen das Leben. Selbst im 16. und 17. Jahrhundert starben durch die religiöse Intoleranz von Seiten der Staatskirche etwa 100 000 Menschen. Verantwortlich dafür war besonders die Inquisition, eine Einrichtung, die heute unter dem Namen "Glaubenskongregation" über die Lehre der römisch-katholischen Kirche wacht. Sie wurde vom jetzigen Papst bzw. früheren Kardinal Ratzinger 20 Jahre lang geleitet - ein Umstand, der für ein unüberhörbares Raunen nach der Papstwahl gesorgt hat.

Petrus - war er der erste Papst?

Petrus, einer der zwölf Jünger Jesu, wird von der römisch-katholischen Kirche als der erste Papst bezeichnet. Nach ihrer Lehre soll der Führungsanspruch direkt von Petrus auf seinen Nachfolger in Rom übergegangen und jeweils auf den nächsten Bischof übertragen worden sein. In diesem Sinne wird auch der deutsche Papst Benedikt XVI als Nachfolger Petri bezeichnet, dessen Lehraussagen ("ex cathedra") unfehlbar sein sollen.

Dieses römisch-katholische Verständnis - wie auch so manche Lehre, die in diesem Amt entwickelt wurde - wird nicht nur von der Alt-Katholischen und der Orthodoxen Kirche, sondern von allen anderen christlichen Kirchen und Gemeinschaften abgelehnt. Zwar kann sich die röm. kath. Kirche auf geschichtliche Entwicklungen und neu entstandene Traditionen berufen, den biblischen Beleg für das Papsttum bleibt sie aber schuldig. (Siehe auch "Bibel und Glaube" auf S.18 "War Petrus der erste Papst?"

Kirche und Staat - warum nicht?

Heute werden die Anliegen der römischen Kirche bzw. des Papsttums mit völlig anderen Mitteln als in der Vergangenheit vertreten. Abgesehen von Benachteiligungen anderer Kirchen und religiöser Gemeinschaften, die vom Staat nicht als Kirche anerkannt werden, sind heute keine Repressalien zu befürchten. Die Bedrohung geht gegenwärtig von militant islamischen Kräften aus. Sie spielten schon im Mittelalter eine recht unrühmliche Rolle und feierten zur Überraschung des fortschrittlichen Westens eine schreckliche Auferstehung. Spätestens seit dem Anschlag auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 weiß die gesamte Welt von der tödlichen Gefahr, die mitten unter uns schlummert. Für die Menschen war es ein furchtbarer Schock, festzustellen, dass überwunden geglaubte Vorstellungen plötzlich wieder auftauchten und grausame Wirklichkeit wurden.

In den meisten Ländern, in denen religiöse und staatliche Kräfte eng verbunden sind, herrscht Intoleranz und Demokratiefeindlichkeit. Meinungs- und Gewissensfreiheit werden auch heute noch eingeschränkt, wo religiöse Interessen mit Hilfe des staatlichen Armes, wie z.B. in vielen islamischen Ländern, durchgesetzt werden.

Darum nicht!

Kirche und Staat sind zwei wesensfremde Institutionen, deren Vermischung bzw. intensive Einmischung beiderseits nichts Gutes bedeutet. Die Kirchen berufen sich mit ihren Lehren auf die Autorität Gottes. Bei vielen Lehren kann es daher mit Recht, im Gegensatz zur Politik, keine demokratischen Entscheidungen geben. Es wäre Unsinn, wenn man über ein Gebot Jesu abstimmen lassen würde. Der Mensch muss sich nach der Wahrheit richten und nicht die Wahrheit nach dem Menschen. Der Gläubige muss "nur" feststellen, ob die Lehre einer Kirche tatsächlich der göttlichen Wahrheit entspricht. So manche Vorstellungen sind im Laufe der Jahrhunderte ins Christentum eingedrungen, die im Widerspruch zur Absicht Jesu stehen. Christen sind daher aufgefordert, auf der Grundlage des biblischen Wortes ihre Entscheidungen zu treffen.

Alle Angelegenheiten, die die Beziehung des Menschen zu Gott betreffen, dürfen nur den Glauben und das Gewissen des Menschen beeinflussen, aber nicht staatliche Hilfe in Anspruch nehmen. Jesus appellierte an die Herzen der Menschen und widerstand der Versuchung, sich von der Menschenmenge vor den politischen Karren spannen zu lassen - sahen doch viele in ihm den Befreier aus der römischen Herrschaft.

Als die Jünger später Jesus mit der Steuerfrage konfrontierten, legte er ihnen einen wichtigen Grundsatz ans Herz: "So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! ..." Markus 12, 17 Damit wollte er offenbar dem Hass der Juden auf ihre Besatzer keinen Raum geben. Das römische Imperium verlangte Steuern, also sollten sie Steuern zahlen. Doch hatte der Kaiser kein Recht den Glauben vorzuschreiben. Über das, was Gott gehörte, sollte kein Mensch bestimmen können.

Gott wirbt um das Herz, um das Vertrauen und den Glauben. Immer wieder machte Jesus deutlich, dass geistliche Werte nur im Zusammenhang mit Liebe und der freiwilligen Hingabe Sinn machen. Auch wenn Jesus gegen falsche Religions- und Gottesvorstellungen anging, war seine Methode, das Herz und das Gewissen der Menschen anzusprechen. Die Folgen ihres verkehrten Denkens sollten "nur" Auswirkungen auf das ewige Leben haben, das Jesus ihnen anbot. Das ist der einfache, der einzige und immer gültige Weg der christlichen Botschaft. Für die staatliche Ordnung wäre diese Gewissensfreiheit unvorstellbar. Kein Land der Welt wäre mehr regierbar, wenn es den Bürgern die freie Wahl ließe, Gesetze zu be- oder zu missachten. Auf den Straßen würde Chaos herrschen, Steuern würden nicht mehr gezahlt werden und jede Verordnung wäre auf den guten Willen der Bürger angewiesen. Die Rechtssprechung würde wohl zusammenbrechen, da es keine verbindlichen Gesetze und Regeln mehr gäbe.

Angelegenheiten, die den Menschen und Gott betreffen, dürfen aus eben genannten Gründen nicht in weltlichen Gesetzen verankert werden, selbst wenn gute Absichten dahinter stehen. Religiös dominierte Länder wie Iran, Saudi-Arabien und zum Teil Nigeria sind anschauliche Beispiele dafür.

Wenn es aber um die biblischen Vorgaben der zwischenmenschlichen Beziehung geht, kann der Einfluss in die politische Gesetzgebung nur ein Segen sein. Selbst überzeugte Humanisten werden damit keine Probleme haben. Geht es jedoch hintergründig um religiöse Interessen, ist die vorgebrachte Skepsis auch im Christentum durchaus angebracht.

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