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Verfasser: Heinz Schumacher
Erschienen in:Top Life Magazin 2 / 2008

Ein Bauer und die Theologen

Die wundersame Geschichte des Propheten Amos

fotolia
In den Berichten des Alten Testamentes gibt es eine wundersame Geschichte. Sie ist uns in den prophetischen Büchern überliefert und nach dem unfreiwilligen Helden des Geschehens benannt: Amos.

Es ist eine Episode in der Chronik des Volkes Israel, eine Episode, in der sich der Untergang des Nordreiches Israel einige Jahre später bereits abzeichnet. Aber die Geschichtsschreiber bezeichnen diesen Abschnitt unter der Regierung des Königs Jerobeams II. als letzte Glanzzeit des israelitischen Volkes vor der Einnahme Samariens durch die Assyrer im Jahr 722 vor Christus.

Wie so oft in der Geschichte der Kirchen herrschte der Klerus. Die Reichen beuteten die Armen aus und schlemmten nach Herzenslust. Sie besaßen wunderbare Häuser, die mit erlesenen Möbeln eingerichtet waren. Sklavenhandel gedieh unter Leuten, die das Volk des Herrn genannt wurden, und die wenigen, die die Botschaften aus den Schriften der Boten Gottes lehrten, wurden verlacht und abgelehnt.

Da geschah das, was dieser Prophetenschrift die Würze verleiht: Der oberste Priester Amazja, gewohnt, von allen "Kirchenmitgliedern" – würden wir heute sagen – tief verehrt zu werden, ärgerte sich offenbar fürchterlich, dass da einer zu predigen begann, der gar nicht Theologie studiert hatte. Aus der Sicht des leitenden Priesters war dies völlig ungehörig, und er tat das, was nach einem Sprichwort so ausgedrückt wird: "Der größte Lump im ganzen Land, das ist der Denunziant."

Amazja wandte sich hinterhältig an den König Jerobeam: "Da ist einer, der macht Revolution! Der wiegelt die Leute auf. Seine Prophezeiungen machen uns nur Ärger, und von dir sagt der Mann: ,Der König wird das Zeitliche segnen, und unsere Nation wird aufhören zu bestehen.‘ Hochverrat! Da müssen wir doch etwas unternehmen."

Aber Amazja beließ es nicht bei seiner Verleumdung. Er wollte die Situation schon bereinigen, ehe der König reagierte. So fuhr er den ungebildeten Amos an: "Pack dich, hau ab! Geh ins Nachbarland. Da kannst du prophezeien, was du willst – aber nicht hier. Hier ist der offizielle Tempel Gottes. Anders ausgedrückt: Hier versammeln sich die Rechtgläubigen, du aber gehörst zu den Verfluchten, zum Mob, zu den geistig und geistlich Unbedarften." Vielleicht hat Amos zunächst gedacht: Die Recht gläubigen sind das? Die sucht der Herr nicht. Er sucht recht Gläubige. Nicht wo Kirche ist, da ist der Herr, sondern wo der Herr ist, da ist seine Kirche."

Religiöse Führer wie Amazja gingen und gehen davon aus: Wer predigt, macht das beruflich. Er will Geld verdienen, so wie Amazja ein entsprechendes Gehalt hatte. Amazja also ließ sich von Konkurrenzneid leiten: Da ist noch einer, der eine religiöse Botschaft hat, ergo ist das ein Gegner, einer, der für Geld alles macht – wie Amazja. Der seine Seele verkauft, wenn es ihm Vorteile bringt. Doch darüber musste Amos den Priester aufklären: "Ich bin kein Prophet, keiner, der dir Konkurrenz machen will. Ich bin nur ein Hirte und ein Maulbeerzüchter. Aber der Herr rief mich von der Herde weg und gab mir den Auftrag zu predigen: Gericht und Buße."

Amos ließ sich nicht erschrecken und auch nicht abschrecken. Er predigte in der Gewissheit, unpopulär, ja verhasst zu werden. "Manchmal", so lehrt er uns, "ist Widerspenstigkeit heilsam und geradezu ein göttliches Gebot."

Wie der Zank zwischen dem Erzpriester Amazja und dem Bauern Amos dann weitergegangen ist, können wir der Heiligen Schrift nicht mehr entnehmen. Wir können davon ausgehen, dass sich Amos von dem führenden Mann seiner Religionsgemeinschaft nicht mundtot machen ließ. Er entledigte sich seines Auftrags und machte sich auf, um zu seinem Bauernhof zurückzukehren. Nehmen wir einmal an, wir hätten damals gelebt und ein Gespräch mit Amos führen können. Das wäre dann möglicherweise so gelaufen:

    "Mensch, Amos, du hast gerade die Grundschule absolviert und legst dich mit einem solchen hochgebildeten Herrn an? Du verstehst doch gar nichts von Theologie!"

    "Was verstehst du denn unter Theologie?"

    "Na ja, das weiß doch jeder: Theologie ist Gottesgelehrtheit."

    "Dann weißt du also auch, was Theomanie bedeutet?"

    "Musst du als kleiner Grundschüler hier Semantik – Wortbedeutungslehre – mit mir betreiben? Aber schieß mal los, was du unter Theomanie verstehst. Ich ahne da schon etwas."

    "Weißt du, ich habe in alten Schriftrollen das Wort Theomanie gefunden. Es heißt: Religiöser Wahnsinn. Schau dir diesen religiösen Aberwitz bei den Heidenvölkern an. Sie steigern sich in sogenanntes Zungenreden und meinen dann, ein Gott spreche durch sie. Diese aus dem Heidentum stammende Theomanie hat auch viele Bürgerinnen und Bürger des Hauses Israel ergriffen und wird sogar bis zum Ende der Zeiten exis­tieren. Das ist einer der Gründe, weswegen ich das Volk Israel warnen musste und muss: Keine Religionsvermischung!"

    "Du sagtest: Einer der Gründe. Was sind andere?"

    "Die führenden Männer im Volk Israel fühlen sich so hoch erhaben, dass sie Gott damit verunehren. Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz, lautet ein griechisches Sprichwort. Diese Mischung von Dummheit und Stolz verhindert, dass sie ihre eigene Situation erkennen."

    "Und wie siehst du sie?"

    "Ich bin völlig unwichtig. Wie ich sie sehe, hätte ich nie öffentlich zu erklären gewagt. Aber Gott hat mir gezeigt, wie E r sie sieht. Und er sieht die Raffgier seines Volkes, seinen Hang zum Alkohol, wie das im Ausspruch ,Bringe her, lass uns saufen!' ausgedrückt wird."

    "Aber die Leute sind doch so fromm. Sie halten peinlichst ihre religiösen Ordnungen ein."

    "Das stimmt. Aber ihr Herz hängt nicht an Gott. Der Schein eines gottseligen Wesens genügt nicht – wird vielleicht einmal ein Größerer als ich verkünden."

    "Ich erinnere mich: Du hast gesagt, Gott sei den religiösen Zeremonien seines Volkes gram. Er könne die kirchlichen Versammlungen nicht ausstehen. Damit erntest du aber nur Ärger. Warum predigst du nichts Erbaulicheres? Das hören die Leute doch viel lieber. Aber so etwas, was du predigst, das hält doch auf Dauer kein Mensch aus."

    "Kein Mensch? Da irrst du. Es sind eine ganze Menge, die sich besonnen und die ihre Einstellung geändert haben. Sie sagen: Herr, was müssen wir tun, um ein neues Leben zu führen, ein Leben mit dir, unserem Heiland?"

    "Das ist ja wunderbar! Dann bist du also doch nicht ganz allein?"

    "Und stünde ich allein – die Zahl spielt vor Gott keine Rolle, und schon gar nicht die Mehrheit. Gott lässt sich nicht durch demokratische Abstimmungen beeindrucken. Aber auch nicht durch Machtausübungen religiöser Führer – wenn sie ihre Macht missbrauchen."

    "Ich sehe, du bist ein gefährlicher Typ. Hast du keine Angst, da kämen eines Tages ein paar gedungene Killer auf dich zu?"

    "Damit muss man immer rechnen, wenn man Gottes Bote ist. Ich weiß nur eines, und das habe ich dem Volk Israel verkündet: Gott wird niemals etwas tun, ohne dies zuvor durch Propheten ankündigen zu lassen. Von Haus aus bin ich keinesfalls ein Prophet, aber für diese kurze Zeit durfte ich Gottes Werkzeug sein. Die Masse, so hat es mir Gott in den Mund gelegt, wird immer den hassen, der sie straft und zur Bekehrung aufruft. Aber ich richte diesen Ruf nicht nur an andere, sondern auch an mich."

    "Und dem obersten Priester hast du ja etwas ganz Schlimmes vorausgesagt: Seine Frau werde zur Hure werden, seine Kinder würden durch Feindesmacht getötet, er selbst aber werde fern von seiner Heimat sterben."

    "Er hat trotz seiner herausragenden und von Gott mit besonderer Verantwortung belegten Position nicht auf Gottes Weisungen hören wollen. Er hat Zehntausende beeinflusst, die Warnungen des Herrn zu missachten. Da musste ich ihm im Auftrag Gottes etwas so Schlimmes ankündigen. Aber er hat immer noch Gnadenzeit. Bekennt er seine Schuld, Gottes Wort verdreht und verharmlost zu haben, dann wird der Herr ihm vergeben. Davon bin ich überzeugt."

    "Und du, Amos? Was wird jetzt mit dir, wenn du zu deinen Maulbeersträuchern und zu deinem kleinen Dorf zurückkehrst?"

    "Ich werde weiter Gottes Wort studieren. Ich bin ganz unbesorgt. Was immer geschehen wird, meine Familie, meine Freunde und ich sind in Gottes Hand. Wenn die Assyrer kommen, ob wir dann leben oder sterben – aus Gottes Hand reißt uns keiner."

Und Amos hätte uns freundlich verabschiedet, da bin ich sicher, er hätte noch ein Glas Milch mit uns getrunken, einen Schafskäse mit uns verzehrt und dann ein herrliches Beerenkompott aufgetischt. Ja, wirklich, so einer war das, der kleine Prophet Amos.

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