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Verfasser:Mag. Esther Neumann
Erschienen in:Top Life Aktuell 1401

Orthorexie - Zwanghaft gesund essen

Eine Umfrage in Deutschland hat ergeben, dass sich über die Hälfte der Menschen ein Verbot von ungesunden Lebensmitteln wünscht. Ungefähr die Hälfte sagt von sich, dass sie sich ungesund ernähre. Und etwa 60% sagen, dass Freiheit das oberste Gut sei. Diese Aussagen passen irgendwie nicht zusammen.

In derselben Person können also die Freiheitsliebe und die Liebe zum Verbot stecken, dazu noch die Liebe zum ungesunden Essen. Und das schlechte Gewissen? Um das auszuschalten, beschäftigen sich manche stundenlang mit dem Essen. Sie tüfteln an gesunden Speiseplänen und sind lange mit dem Besorgen der gesunden Lebensmittel beschäftigt. Ob ihnen das Essen schmeckt, spielt keine große Rolle – Hauptsache, es ist gesund. Sollten sie doch einmal der Versuchung erliegen, etwas "Ungesundes" zu essen, entstehen Schuldgefühle. Es geht hier nicht um die Menge, die gegessen wird, sondern um die Güte. Im Geschäft werden alle kleingedruckten Listen mit den Inhaltsstoffen studiert.

Der Begriff "Orthodoxie" wurde 1997 vom amerikanischen Alternativmediziner Steven Bratman geprägt. Er selber hatte jahrelang spezielle Diäten ausprobiert und auch seinen Patienten empfohlen. Er stellte bei vielen Gleichgesinnten einen zwanghaften Umgang mit dem Essen fest. "Orthos" heißt richtig und "orexis" Begierde, Appetit. Sich mit einer gesunden Ernährung auseinanderzusetzen ist etwas Positives. Problematisch wird es erst, wenn es überbewertet wird und sich alles andere unterordnen muss. Es kann so weit kommen, dass sich Betroffene nicht mehr einladen lassen, weil sie dem misstrauen, was andere auftischen. Auf diese Weise verlieren sie Freunde und werden in eine soziale Isolation getrieben.

Unter den Orthoretikern finden sich eher junge, gebildete Menschen und solche, die zur Perfektion neigen. Auch Unsichere, Ängstliche und solche, die starken seelischen Belastungen ausgesetzt sind oder ein geringes Selbstwertgefühl aufweisen, neigen dazu. Wahrscheinlich vermittelt ihnen das Wissen, wenigstens den Bereich des Essens kontrollieren zu können, eine gewisse Sicherheit.

Dazu kommt, dass ein schlanker Körper die Idealfigur darstellt, die zu erreichen für viele äußerst wichtig ist. Daher sind unter den Schauspielern und Models viele Orthoretiker zu finden. Modelfiguren gibt es aber nur in Ausnahmefällen! Oft gelangen sie über eine Diät zu ihrem Wunschgewicht. Oder jemand hat durch strenge Speisepläne Krankheiten besiegt. Zur Orthorexie kommt dann sehr oft eine missionarische Verbreitung des eigenen Gedankengutes. Alle Freunde und Bekannten werden zwangsbeglückt. Wenn man noch zwischen "guten" und "bösen" Lebensmitteln unterscheidet, kann die Ernährung zur Ersatzreligion werden. Eine starke Willenskraft ist jedenfalls notwendig, seine selbst aufgestellten Essens-Regeln auszuleben.

Warum ist so etwas Alltägliches wie das Essen zum Problem geworden? Die Anfänge liegen bei der Industrialisierung und darin, dass Essen immer zugänglich und allgegenwärtig ist, zumindest in unseren Breiten. Durch die undurchsichtigen Vorgänge in der Lebensmittelproduktion entgleitet dem Konsumenten die Kontrolle. Auf der nördlichen Hälfte der Erdkugel wurde in den letzten Jahren ein ständiger Überschuss an Lebensmitteln erzeugt. Überschüsse an Mais, Kartoffeln und Weizen wurden in Zuckerarten (vor allem Glukosesirup und Fruchtzucker) und Stärkeprodukte umgewandelt. Diese Erzeugnisse mussten zu den Konsumenten gelangen. Man begann immer neue Produkte zu erfinden. Gleichzeitig wurden die Portionen in den Fastfood-Ketten immer größer. Man wollte ja etwas für sein Geld! Übergewicht und Folgeerkrankungen sind das Ergebnis!

Fachleute, auch selbsternannte, sagen uns pausenlos, was gut oder schlecht für uns ist. Die einen empfehlen diese Kost, die anderen gerade die entgegengesetzte. Dann soll man auch noch die sozialen Umstände berücksichtigen, unter denen Lebensmittel hergestellt werden und ob etwas saisonal und regional ist.

Dazu kommen die vielen Lebensmittelskandale wie BSE, Acrylamid, Schadstoffe, krebsauslösende Substanzen und Rückstände aus der Produktion. Somit fallen immer mehr Lebensmittel durch den Rost. Und die Orthoretiker ernähren sich schließlich sehr einseitig. Das ist dann leider nicht mehr gesund. Bezeichnend ist auch, dass ganz unterschiedliche Diätformen gefunden werden. Das führt auch dazu, dass, wenn nicht gerade das "gesunde" Essen zum Hauptthema gemacht worden ist, etwas anderes herhalten muss, worauf sich ihre Ängste und Zwänge konzentrieren können. Deshalb besteht der Ausweg aus der Orthorexie nicht nur darin, zu einer vernünftigen Ernährung zu finden, sondern im Aufspüren der Motivation hinter der strengen Essvorschrift. Die Betroffenen müssen lernen, sich etwas zu gönnen, was gut schmeckt, ohne an Nährstofftabellen und Kleingedrucktes zu denken. Eventuell ist auch eine Psychotherapie nötig.

Ein entspannter Umgang mit gesunder Ernährung darf jedoch nicht mit Orthorexie verwechselt werden. Es macht durchaus Sinn, sich mit gesunder Ernährung zu beschäftigen, bewusst einzukaufen, einmal zu hinterfragen, wie etwas erzeugt wird, und sich mit dem Kleingedruckten auf den Verpackungen zu beschäftigen, ohne die Freude und die Geselligkeit bei Tisch einzuschränken. Nicht der verordnete Verzicht sollte im Vordergrund stehen, sondern die Lust und Freude an gesunden Produkten. Gesundheit und Genuss sind kein Widerspruch.

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