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Verfasser: Pierre Intering
Erschienen in:Top Life Aktuel 1201

Skandal - oder der ganz normale Wahnsinn

Ganz gleich, welches Land, zu welchem Zeitpunkt und welchen Bereich man etwas näher betrachtet: Es fällt nicht schwer, seine Beobachtungen mit "Skandal" zu betiteln. Der Politiker, der sich angeblich für Gerechtigkeit eingesetzt hat, erscheint plötzlich in einem ganz anderen Licht. Der Wirtschaftstreibende, der für viele Arbeitsplätze gesorgt hat, muss sich wegen Korruption verantworten, und die Aufsichtsräte, die über Recht und Ordnung wachen sollten, sitzen nun selbst auf der Anklagebank. Ein Skandal jagt den anderen. Da scheint es überhaupt kein Ende zu geben. Alles schreit nach Gerechtigkeit, nur wo soll man anfangen und wo aufhören?

Was ist überhaupt ein Skandal? In Wikipedia kann man Folgendes lesen: "Ein Skandal bezeichnet ein Aufsehen erregendes Ärgernis und die damit zusammenhängenden Ereignisse oder Verhaltensweisen."

"Ein Aufsehen erregendes Ärgernis"? Das klingt nach Lärm, nach einem Aufschrei und nach Protesten. Man will sich so etwas nicht gefallen lassen. Ob diese Beschreibung bezüglich Aufschrei und Protesten so stimmt, mag in manchen Fällen schon so sein, aber sie ist nur die halbe Wahrheit. In vielen Fällen bleibt man einfach stumm. Das hat sicher verschiedene Ursachen. Entweder ist man selbst auf irgendeine Weise betroffen oder man hat es schon satt, ständig auf die Barrikaden zu gehen.

Die lautstarken Proteste sind in unseren Breitengraden zwar nicht ganz abwesend, aber (glücklicherweise?) doch eher selten. Hier schreien eher die Schlagzeilen der Tageszeitungen. Der Leser bleibt dabei relativ gelassen. Was bleibt ihm auch anderes übrig!

Anderswo geht es nicht so ruhig ab. Man rennt auf die Straße. Autos gehen in Flammen auf, Schaufenster werden eingeschlagen, Geschäfte geplündert und es wird skandiert. Nicht immer geht es dabei um Gerechtigkeit. Manchmal möchte man einfach das behalten, was man einmal bekommen hat, das aber gegenüber anderen gar nicht gerechtfertigt war. So mancher, der sich in den letzten Monaten furchtbar aufgeregt hat, würde ziemlich leise werden, wenn man seine "privaten Geschäfte" genauer unter die Lupe nähme. Oder er würde umso lauter schreien – nach Recht auf Privatsphäre und gegen einen Überwachungsstaat.

Kein Land und keine Gesellschaftsschicht kann davon ausgenommen werden. Sicher, Reiche und Wohlhabende sollten sich besonders hinterfragen, aber vor persönlicher Schuld ist selbst der Arme nicht gefeit – denn nicht erst das Geld verdirbt den Menschen. Das ist eine alte biblische Weisheit.

Der private Skandal

Das Verschulden gegenüber der allgemeinen Öffentlichkeit, ob nun wirtschaftlich oder politisch, ist nicht zu verharmlosen. Das ist klar. Da gibt es nichts zu rütteln. Es soll alles aufgedeckt und entsprechend beurteilt werden. Das gehört zu einem Rechtsstaat und hilft eine gewisse Ordnung beizubehalten. Dort, wo das nicht mehr funktioniert, geht es steil bergab.

Unser Blick darf aber nicht an diesen öffentlich bekannten, uns vielleicht gar nicht betreffenden Dingen hängen bleiben. Es muss ein ebenso kritischer oder zumindest untersuchender Blick in den Spiegel geworfen werden. Warum? Was hat das mit mir zu tun? Nun, wie kann man nach Gerechtigkeit rufen und sich selbst dabei ausnehmen? Genau das wird uns ja von öffentlichen Personen vorgelebt und ist schon fast zur Routine geworden.

Vom moralischen Gefühl

Zum Stichwort Skandal kann man in Wikipedia noch lesen: "Bei einem Skandal handelt es sich um eine (allgemeine) Entrüstung oder Empörung im Sinne eines moralischen Gefühls. Zu wissen, worüber sich eine Gesellschaft empört, lässt ablesen, wo und wie die überschrittenen Grenzen liegen. Insofern lassen sich über Skandale Rückschlüsse auf die jeweiligen Norm- und Wertvorstellungen bzw. Konventionen einer Gesellschaft ziehen."

Diesen Satz muss man ein paar Mal lesen. Er ist es wert. Da ist die Rede von einem "moralischen Gefühl". Das scheint schon ganz schön vielen Menschen abhanden gekommen zu sein - zumindest was das eigene Verhalten angeht. Der zitierte Abschnitt stellt aber auch fest, dass man über Skandale Rückschlüsse auf eine ganze Gesellschaft ziehen kann und dass sie mit Wertvorstellungen zu tun haben. Praktisch heißt das: Wenn man sich nicht mehr an Ungerechtigkeiten reibt und ihnen nicht entgegentritt, sagt das eine ganze Menge über einen selbst und über eine ganze Gesellschaft aus. Profitiert man etwa selbst davon oder hat man aufgegeben und versucht nun sein eigenes Ding zu drehen? Natürlich gibt es auch die Variante, dass man sich einfach nur ohnmächtig fühlt, der Justiz vertraut und selbst nicht die Fehler in seinem eigenen Leben macht - auch wenn sie vielleicht nur recht klein gegenüber jenen der anderen aussehen. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass auch "kleine" Sünden verkehrt sind und große Auswirkungen haben können. Außerdem fängt alles klein an. Je nach Gelegenheit wächst dann die Sache.

Wie sieht es mit den eigenen Norm- bzw. Wertvorstellungen aus? Gibt es noch welche? Wie konsequent werden sie angewendet? Was ist überhaupt der Maßstab dafür? Bastelt sich da jeder seine eigene Rechtsauffassung? Die Frage, wie verbindlich für einen selbst das Recht ist, gehört zu den entscheidenden Fragen des Einzelnen. Schließlich ergibt die Summe davon eine Gesellschaft. Es ist auch zu vermuten, dass sich viele nur deshalb wenig haben zuschulden kommen lassen, weil die Gelegenheit dazu fehlte. Das erklärt auch das Verhalten von Leuten, die für Recht und Gesetz kämpften, aber dann gegen ihre eigene Grundsätze verstießen.

Dem eigenen Verhalten sollte weit mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Nicht nur deshalb, weil man dafür selbst geradestehen muss, sondern weil man den Respekt vor sich selbst nicht verlieren sollte. Außerdem gibt es da noch einen Grundsatz, der einem zu denken geben muss: "Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu; und wer im Geringsten unrecht ist, der ist auch im Großen unrecht." Lukas 16,10

Je mehr dieser biblische Grundsatz beherzigt wird, desto gerechter und lebenswerter wird es. Liegt nicht der größte Skandal darin, dass zwar jeder weiß, was sich gehört, aber man doch anders handelt? Der ganz normale Wahnsinn eben. Damit sollte man Schluss machen. Anfangen kann jeder bei sich selbst, und nicht erst morgen.

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